Blockchain: Die richtige Reaktion auf die Kette

Blockchain: Die richtige Reaktion auf die Kette

Der britische Wissenschaftler Michael Mainelli hat schon an Blockchains gearbeitet, als es den Begriff noch gar nicht gab. Er erklärt, warum er ihn nicht treffend findet und was von der – gar nicht so neuen – Technologie bleiben wird nach der Euphorie.

Alle sprechen über Blockchain. Aber ist das überhaupt der richtige Begriff?

Michael Mainelli: Es ist tatsächlich nicht ganz schlüssig, warum die Industrie und die Medien den Begriff so inflationär verwenden. Er entstammt dem Kontext um Bitcoin. Und das obwohl der Begriff in Satoshi Nakamotos dazugehörigem White Paper von 2008 gar nicht vorkommt. Immerhin, er sprach von Blocks, die aneinander gekettet werden. Ich bevorzuge jedoch den Begriff Mutual Distributed Ledger – kurz MDL –, weil er die wesentlichen Merkmale der Technologie, über die wir hier sprechen, beinhaltet. Das Ledger, das Kontobuch, steht für eine permanente Aufzeichnung von Einträgen. Distributed erklärt die Architektur: Das Ledger ist über mehrere Rechner verteilt. Und Mutual schliesslich beschreibt die Besitzverhältnisse: Das Ledger ist Gemeingut. Ich sehe aber ein, dass sich der Begriff Blockchain etwas einfacher vermarkten lässt.

Sie erwähnen Bitcoin und das White Paper dazu von 2008. War das die Geburtsstunde von MDLs?

Nein. Die Technologie ist nicht neu. Unsere Firma hat bereits vor über 20 Jahren eine entsprechende Anwendung entwickelt, die bei einer Firma im Gesundheitswesen zum Einsatz kam. Wir hatten eine verteilte Architektur, jeder Rechner hatte eine Kopie von allem, alles war verschlüsselt. Wir synchronisierten damals noch über Kabel oder Floppy Disks – immer wenn sich zwei Mitarbeitende der Firma trafen. Wie heute bei Bitcoin haben wir die Einträge mit Hilfe einer mathematischen Formel in einen Zahlencode – den Hash – umgewandelt und diesen in den nächstfolgenden Eintrag integriert. Wir nannten das Sleeving und sprachen von Stacks statt von Blocks. Aber was wir erhalten haben, war eine Kette, eine Blockchain, wenn man so will.

Warum hat sich diese Idee damals nicht durchgesetzt?

Zunächst einmal, wir waren nicht die Einzigen, die damals schon an MDLs gearbeitet haben. Aber die Welt war noch nicht bereit, wie man so schön sagt. Ein typisches Phänomen. Auch Internetprotokolle gab es schon in den 1970er-Jahren. E-Mails funktionierten nicht erst Mitte der 1990er-Jahre. Es brauchte aber seine Zeit, bis sich beides durchsetzen konnte. So verhält es sich auch mit MDLs. Die Digitalisierung nimmt erst richtig Fahrt auf. Erst seit kurzem ist alles und jeder online. Kommt dazu: In den 1990er-Jahren galten Systeme, die auf mehrere Rechner verteilt waren, als höchst unsicher.