Dr. Katharina Rüdlinger von SIX Exchange Regulation: «Führungskräfte von börsenkotierten Unternehmen dürfen nicht einfach lostwittern»


Dr. Katharina Rüdlinger, Leiterin Corporate Disclosure bei SIX Exchange Regulation, ist mit ihrem Team für die Durchsetzung der korrekten Ad hoc-Publizität bei den an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen verantwortlich. Trotz des explosiven Wachstums der Kommunikationsaktivitäten über Twitter oder Facebook steht in der geltenden Richtlinie über die Ad hoc-Publizität und dem dazugehörigen Kommentar kein Wort über die Sozialen Medien. Im Gespräch mit dem «Tensid EQS Evolvere Blog» hat die seit gut acht Jahren bei der Schweizer Börse tätige promovierte Anwältin gleichwohl genaue Vorstellungen, wie sich die Unternehmen im Umgang mit kursrelevanten Tatsachen in den Sozialen Medien zu verhalten haben. «Falls etwas Kursrelevantes durchsickert, braucht es ein Notfallkonzept für die Auslösung des Ad hoc-Mitteilungs-Mechanismus», betont Katharina Rüdlinger. Lesen Sie ihre Antworten auf acht Fragen.

Katharina Rüdlinger, gibt es in den Bestimmungen über die Ad hoc-Publizität der börsenkotierten Unternehmen explizite Regeln über das Verhalten in den Sozialen Medien wie Twitter oder Facebook?

Katharina Rüdlinger: Nein, weder in der Richtlinie betr. Ad hoc-Publizität noch im dazugehörigen Kommentar zur Ad hoc-Publizitäts-Richtlinie sind Soziale Medien wie Twitter oder Facebook explizit erwähnt. Es gibt mithin keine schriftliche Regel darüber, ob und wann Twitter oder Facebook für Emittenten und ihre Mitarbeitenden verboten oder erlaubt sind. Wir müssen vielmehr die in der Richtlinie festgelegten Regeln und den dazugehörigen Kommentar auf die möglichen Verhaltensweisen von Emittenten oder ihren Mitarbeitenden in den Sozialen Medien anwenden.

 

Welche Regeln müssen denn von den Emittenten und ihren Mitarbeitenden bei der Nutzung von Sozialen Medien besonders beachtet werden?

Katharina Rüdlinger: Die Regeln über die Ad hoc-Publizität betrifft alle potenziell kursrelevanten Tatsachen. In den Artikeln 5 bis 14 der Richtlinie betr. Ad hoc-Publizität sind die Modalitäten der Bekanntgabe der Ad hoc-Mitteilungen festgelegt. Wichtig sind namentlich die Gleichbehandlung aller Marktteilnehmer, die abschliessend aufgezählten Pflichtadressaten sowie die zeitgleiche Aufschaltung auf der Internetseite des Emittenten. Werden diese Regeln analog auf die Sozialen Medien angewandt, heisst das: Die Veröffentlichung einer kursrelevanten Tatsache darf über Twitter oder Facebook frühestens gleichzeitig mit der Verbreitung der Ad hoc-Mitteilung erfolgen. Und: Die Veröffentlichung über die Sozialen Medien ist ein freiwilliger zusätzlicher Verbreitungskanal, der keinen Pflichtadressaten gemäss der Richtlinie ersetzt.

 

Was ist zu tun, wenn ein Unternehmen feststellt, dass von ihm selber potentiell kursrelevante Tatsachen in die Sozialen Medien gelangt sind?

Katharina Rüdlinger: Wenn von einem Emittenten versehentlich oder wegen ungenügender Sorgfalt potenziell kursrelevante Informationen in die Sozialen Medien gelangen, müssen diese Informationen sofort in Form einer Ad hoc-Mitteilung gemäss den Vorschriften der Richtlinie betr. Ad hoc-Publizität verbreitet werden.

 

Wie steht es mit den Gerüchten, die in den Sozialen Medien von Dritten ausserhalb des Emittenten verbreitet werden?

Katharina Rüdlinger: Ein Emittent ist nicht verpflichtet, zu Gerüchten, das heisst falschen Meldungen, in den Sozialen Medien mittels einer Ad hoc-Mitteilung Stellung zu beziehen. Entschliesst sich aber ein Unternehmen, zu einem in den Sozialen Medien verbreiteten kursrelevanten Gerücht Stellung zu beziehen, ist es sinnvoll, dies in Form einer Ad hoc-Mitteilung gemäss den Vorschriften der Richtlinie betr. Ad hoc-Publizität zu tun. Der Emittent kann dies gemäss der Praxis der Sanktionskommission der Börse aber auch auf anderem Weg tun.

 

Gibt es in der Schweiz einen Sanktionsentscheid wegen einer Pflichtverletzung im Zusammenhang mit den Sozialen Medien?

Katharina Rüdlinger: Nein, bislang liegt in der Schweiz kein publizierter Sanktionsentscheid vor. Es gibt aber einen berühmten Fall in den USA: Reed Hastings, CEO von Netflix, hat im Juli 2012 über Facebook verbreitet, die Video-Streaming-Stunden hätten im Juni 2012 erstmals die Milliardengrenze überschritten. Die Netflix-Aktien machten einen Sprung nach oben. Die Börsenaufsichtsbehörde SEC hat im Dezember 2012 angekündigt, gegen Reed Hastings Sanktionen zu erwägen. Anfang April 2013 hat die SEC dann aber erklärt: Wenn den Investoren eines börsenkotierten Unternehmens mitgeteilt worden ist, über welche Sozialen Medien wichtige Informationen verbreitet werden, dürfen die Unternehmen diese Kanäle zur Verbreitung von solchen Informationen nutzen. In der Schweiz dagegen hätte der kursrelevante Facebook-Eintrag von Reed Hastings gegen die Regeln der Ad hoc-Publizität verstossen. Es hätte ein Sanktionsverfahren eingeleitet werden können.

 

Überwacht die SIX Exchange Regulation in irgendeiner Form das Gezwitscher und das Posten in den Sozialen Medien?

Katharina Rüdlinger: Uns ist bewusst, dass in den Sozialen Medien rund um unsere 245 Emittenten einiges läuft. Eine flächendeckende permanente Überwachung dieser Aktivitäten ist jedoch sehr aufwändig. Wir analysieren stichprobenartig und beobachten nun auch vermehrt in den Sozialen Medien die Hintergründe von ungewöhnlichen Kursbewegungen. Zuweilen erhalten wir Tipps von Marktteilnehmern oder von SIX-internen Abteilungen, denen wir bei Bedarf nachgehen. Weil die Kommunikation über die Sozialen Medien immer noch stark wächst, werden wir diesem Bereich in Zukunft sicher noch mehr Beachtung schenken müssen.

 

Könnte der Umgang mit den Sozialen Medien bei der nächsten Überarbeitung der Richtlinie betr. Ad hoc-Publizität explizit reguliert werden?

Katharina Rüdlinger: Das ist durchaus möglich. Aber die Verantwortlichen der börsenkotierten Unternehmen wissen ja schon heute ganz genau, dass sie im definierten Bereich der kursrelevanten Tatsachen nicht einfach lostwittern oder in Facebook etwas posten können.

 

Zum Schluss: Was sollten die börsenkotierten Unternehmen vorkehren, um Verstösse gegen die Regeln der Ad hoc-Publizität in den Sozialen Medien zu verhindern?

Katharina Rüdlinger: Die Unternehmen sollten festlegen, wie die Führungskräfte und alle übrigen Mitarbeitenden in den Sozialen Medien mit kursrelevanten Tatsachen über das Unternehmen umzugehen haben. Dafür müssen alle Betroffenen über die Regeln der Ad hoc-Publizität informiert sein und für deren strikte Einhaltung sensibilisiert werden. Bei internationalen Unternehmen gilt dies beispielsweise auch für sämtliche Standorte. Falls dann trotzdem irgendwo eine kursrelevante Tatsache in die Sozialen Medien durchsickert, müssen die Mitarbeitenden verpflichtet sein, das sofort zu melden. Damit der Ad hoc-Mitteilungs-Mechanismus jederzeit ausgelöst werden kann, muss ein Notfallkonzept bestehen. Kommt dazu: Auch bei der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern oder bei Verhandlungen mit nichtbörsenkotierten Unternehmen muss bei allen einbezogenen Personen der Ad hoc-Richtlinien-konforme Umgang mit kursrelevanten Tatsachen sichergestellt werden.