20 Jahre Swiss Value Chain – 20 Jahre Geschichte(n)

Geschichten machen Technisches lebendig und Kompliziertes verständlich. Zum Jubiläum der Swiss Value Chain erzählen Menschen bei SIX deshalb ihre ganz persönlichen Anekdoten und Erfahrungen: Geschichten über die Börse, das Clearing oder die Abwicklung und Verwahrung von Wertschriften – damals und heute.

 

    

Lauf-Zeiten im Börsenhandel

Gabriela Rytz, Head Reception Services bei SIX, arbeitete einst als Fichen-Läuferin an der alten Zürcher Börse

Gabriela Rytz leitet die Reception Services bei SIX: Sie und ihr Team sorgen dafür, dass Kunden, Besucher und Mitarbeitende sich «abgeholt» fühlen. Sie betreuen den Empfang, reservieren Parkplätze, verbinden mit dem richtigen Ansprechpartner oder leiten schriftliche Anfragen an die entsprechende Fachabteilung weiter. Manchmal laufen die Telefone heiss: durchschnittlich kommen bis zu 400 Anrufe pro Tag. Gabriela liebt das. Sie kennt sich aus hinter den Kulissen von SIX, weiss, wie die Prozesse laufen und wo sie ansetzen muss.

Damals

Das Börsengeschäft ist Gabriela nicht neu: Mitte der 80er Jahre machte sie im Rahmen ihrer Banklehre ein Stage als Fichen-Läuferin an der alten Zürcher Börse. Die «alte» Börse am Zürcher Bleicherweg war ab 1930 der grösste Schweizer Handelsplatz für Wertpapiere. Gehandelt wurde «à la criée», auf Zuruf, am Ring. Gabriela brachte dafür im Laufschritt die telefonisch entgegengenommenen Handelsaufträge zu den Händlern ans Börsenparkett.

Das System war so: Im Erdgeschoss des Börsengebäudes waren die Handelsringe. Die beiden wichtigsten Aktienringe waren der Industrie- und der Finanzring. An jedem dieser beiden Ringe hatte meine Bank einen Händler. Heute kann ja jede Bank im Handel tätig sein. Früher gab es A-Banken, also solche, die am Ring vertreten waren, und B-Banken – die mussten ihre Aufträge über eine A-Bank platzieren.

Ringhandel an der Zürcher Börse

Ringhandel an der Zürcher Börse

Die alte Börse am Zürcher Bleicherweg

Die alte Börse am Zürcher Bleicherweg

Meine Bank war eine A-Bank und hatte ein Büro im ersten Stock des Börsengebäudes. Dort sassen etwa zehn Leute am Telefon und nahmen Aufträge entgegen: Kauf- und Verkaufsaufträge von Kunden, aber auch von anderen Banken, die nicht am Ring vertreten waren. Für jeden Auftrag haben sie eine Fiche ausgefüllt, die dann auf einer Art Laufband ans Ende des Pults transportiert wurde und dort in einen Korb gefallen ist.

Als Fichen-Läuferin war ich dafür zuständig, die Aufträge rechtzeitig vom Büro der Bank hinunter zum Händler an den Ring zu bringen. Anders als heute wurde zu Zeiten des Ringhandels nicht jeder Titel den ganzen Tag gehandelt. Ich habe die Fichen zunächst sortiert: alphabetisch und nach Industrie- und Finanztiteln. Manchmal musste ich auch erstmal noch die Schrift der Telefonisten entziffern! Doch die Zeit drängte: Wenn in einem Titel nichts gelaufen ist, sprich: keine Aufträge da waren, dann ist es im Alphabet weitergegangen. Ich durfte das Zeitfenster auf keinen Fall verpassen, deshalb bin ich «gisch was häsch» runter an den Ring und habe meinem Händler – etwas versteckt – die Order zugesteckt. Die Kollegen links und rechts sollten ja nicht wissen, was auf dem Zettel stand, sonst hätten sie den Preis entsprechend gefärbt. Kaufs- und Verkaufspreise mussten immer gestellt werden. Beim elektronischen Handel finden sich Käufer und Verkäufer heute, ohne dass sie sich sympathisch sind. Aber als Händler am Ring konntest du dir keine Feinde schaffen – sonst hattest du keine Gegenpartei. Da hiess es: Netzwerken, Verhandlungsgeschick, Pokerface! Wenn sie einen Handel geschlossen hatten, haben die Händler das auf der entsprechenden Fiche notiert. Der Disponent hat dann geprüft, ob beim Käufer das Geld vorhanden ist; die Leute im Settlement haben sichergestellt, dass die Aktien lieferbar sind... Früher ist das alles noch ein bisschen hemdsärmliger abgelaufen.

Gabriela Rytz an ihrem einstigen Arbeitsplatz: Im ehemaligen Zücher Börsengebäude

Gabriela Rytz an ihrem einstigen Arbeitsplatz: Im ehemaligen Zücher Börsengebäude

...und heute

Im Sommer 1996 löste der elektronische Börsenhandel den Ringhandel ab: Hin- und herflitzende Fichen-Läufer, wild gestikulierende Händler – das ist heute passé. Die Banken geben ihre Kauf- und Verkaufsaufträge via Computer ein; den Handel übernimmt die elektronische Handelsplattform: Sie führt Angebot und Nachfrage automatisch, nach genau definierten Regeln zusammen. Im Börsengebäude von SIX Swiss Exchange hat der Ring nur noch symbolische Bedeutung: Er dient als geschichtsträchtiger Tagungsort und Konferenztisch.

Mehr über die Entwicklung der Schweizer Börse erfahren Sie hier

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