Alternative Daten: Wie Tweets beim nachhaltigen Investieren helfen


Alternative Daten: Wie Tweets beim nachhaltigen Investieren helfen

Wenn die traditionelle Unternehmensberichterstattung an Grenzen stösst, können alternative Daten Antworten liefern: Wie steht es um die Umweltverträglichkeit eines Unternehmens? Was denken die Kundinnen und Kunden wirklich? Droht eine Krise? Kreditkartentransaktionen, Wetterdaten, Social Media und Co. verraten mehr, als Sie denken.

Im England des 19. Jahrhunderts bestand ein britischer Gaunertrick darin, wartende Passagiere im Bahnhof Paddington zu bestehlen und sich dann mit der Eisenbahn abzusetzen. An der nächsten Station konnte die Diebesbande unbehelligt aussteigen, denn kein Kommunikationsmittel war schneller als der Zug. Doch eines Tages wurde der Telegraf eingeführt, nun konnte die Polizei den nächsten Bahnhof benachrichtigen und die Festnahme organisieren.

Schon immer war die richtige Information zur richtigen Zeit Gold wert. Heute gilt das sogar wortwörtlich, so titelte «Forbes» kürzlich «Information Is the New Gold». Das amerikanische Anlegermagazin argumentiert, die neuen Möglichkeiten der Datenbeschaffung und -analyse bärgen mehr Potenzial als das Edelmetall – Daten seien, um im Bild zu bleiben, der «neue Goldstandard».

Alternative Daten sind ein Milliardenmarkt

Tatsächlich gibt es heute mehr Informationen denn je. 2021 produzierte die Menschheit in einem Jahr mehr Daten als von Beginn der Geschichte bis 2016 – zusammen. Dazu kommt, dass Anlegerinnen und Anleger bei ihren Investitionen immer öfter Faktoren berücksichtigen, die sich nicht in der traditionellen Unternehmensberichterstattung finden, sondern dezentral und unsortiert in der digitalen Datenflut verborgen sind. Das Schlagwort, das diese zwei Trends zusammenbringt, heisst Alternative Data.

Gemeint sind Informationen, die aus anderen – eben alternativen – Quellen stammen. Im White Paper «Data, the Future of Financial Information» prognostizierte SIX bereits Ende 2019, dass sich solche alternativen Daten als wichtige Entscheidungsgrundlage für Investitionen etablieren werden.

Doch woher genau stammen diese alternativen Daten? Gemäss einer Studie von Grand View Research, einem US-amerikanischen Marktforschungsinstitut, gibt es eine Reihe verschiedenartiger Hauptquellen (siehe auch Box): Kredit- und Debitkartendaten, E-Mails, Bewegungsdaten, Satelliten- und Wetterdaten, die Internet- und App-Nutzung sowie aus dem Internet abgegriffene Informationen, sogenannte Scraped Data.

Aktuell betrage der Wert des globalen Marktes für alternative Daten 2,76 Milliarden US-Dollar, so die Studie, und er werde sich mit einer Wachstumsrate von jährlich 58,5 % auf knapp 70 Milliarden US-Dollar im Jahr 2028 entwickeln.

Alternative Daten bieten Anlegerinnen und Anlegern zwei Vorteile. Einerseits können sie die Informationen für die immerwährende Jagd nach Alpha einsetzen, also dafür, besser als der Markt abzuschneiden (Alpha misst, wie sich eine Investition gegenüber der Benchmark entwickelt): Aus der Kreditkartenstatistik einer Warenhauskette lassen sich Rückschlüsse über den Geschäftsverlauf ziehen, Bewegungsdaten verraten, welche Fastfoodkette in, welche out ist, und Wetterdaten helfen, die Performance von Skigebieten oder Vergnügungsparks abzuschätzen.

Andererseits wollen immer mehr Anlegerinnen und Anleger wissen, wie sozialverträglich ihre Investitionen sind. Dies wird typischerweise in den sogenannten ESG-Dimensionen gemessen: Umwelt (Environment), soziales und gesellschaftliches Verhalten (Social) und Unternehmensführung (Governance). Doch da ESG-Daten in der klassischen Unternehmensberichterstattung fehlen, braucht es auch für sie alternative Daten.

Hauptaugenmerk auf ESG-Daten

Ein Datenanbieter, der solche liefert, ist Orenda. Das kanadische Start-up misst in Echtzeit und in hoher Frequenz, wie Unternehmen in den Social Media besprochen werden.

Es ist 7 Uhr morgens in Ontario, Tanya Seajay, die Gründerin und CEO von Orenda, erscheint bestens gelaunt zum Zoom-Call. Frage: «Wie erklären Sie Ihren Kindern, was Orenda tut?» Antwort: «Meine Kinder hören sowieso nicht auf mich», Tanya Seajay lacht und fährt fort, «denken wir besser an meine Mutter. Ihr würde ich sagen, dass wir Finanzinstituten alternative Daten liefern, damit deren Kundinnen und Kunden bessere Anlageentscheidungen treffen können.» Konkret untersuche die Software von Orenda, wie auf Twitter über ausgewählte Themen diskutiert wird – auf dem Radar seien derzeit über 10’000 öffentliche und private Unternehmen, aber auch Länder oder Branchen. Orenda untersucht verschiedene Indikatoren, ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf ESG-Daten.

In den Social Media wird die Beweislast gerne umgedreht: Etwas stimmt, bis das Gegenteil davon bewiesen ist.

Tanya Seajay, CEO Orenda

Der Hype um die GameStop-Aktie; die Kampagne gegen Facebook, bei der einige grosse Unternehmen ihr Werbebudget vom sozialen Netzwerk abzogen; das Image der Pharmaunternehmen, die Impfstoffe gegen Covid-19 entwickelt haben. Die Indikatoren von Orenda zeigten in all diesen Fällen, dass sich im virtuellen Raum früh etwas abzeichnete, das später sehr reale Auswirkungen hatte.

Tanya Seajay meint, der Ruf eines Unternehmens habe schon immer einen grossen Einfluss auf den Aktienkurs gehabt, nur sei die kollektive Gefühlslage bisher schwer messbar gewesen. «Erst heute haben wir diese Fülle von Daten und können sie dank künstlicher Intelligenz auch auswerten», so die ehemalige Journalistin. Ein weiterer Vorteil sei, dass alternative Daten laufend anfallen und nicht nur einmal im Quartal.

Der Wert von Fake News

Als Datengrundlage konzentriert sich Orenda auf Twitter. Der Mikroblogging- Dienst sei zuverlässiger als andere Social Media und sorge sich mehr um den Datenschutz, so Tanya Seajay. Ausserdem seien die Daten aussagekräftiger als beispielsweise Kreditkartendaten. Und wie geht Orenda mit Fake News um? «Die mögen einen schlechten Ruf haben, aber für Anlegerinnen und Anleger sind sie äusserst wertvoll, denn sie sagen viel über das Image eines Unternehmens aus», erklärt Tanya Seajay. «Wir könnten sie herausfiltern, doch dann verlören unsere Indikatoren an Vorhersagekraft.»

Ausbau des Datenangebots für Exchange Traded Funds

Mit der Mehrheitsbeteiligung an Orenda stärkt SIX ihr Angebot für ESG (Environment, Social und Governance) und für alternative Daten. Mit der Übernahme von Ultumus baut SIX ihre Services bei Exchange Traded Funds (ETF) aus: Der internationale Index- und ETF-Datenspezialist mit Sitz in London deckt 7700 ETF-Produkte ab, was 95 % des Marktes entspricht. In Kombination mit den Kernkompetenzen von SIX im Handel, Nachhandel und bei datenbezogenen Dienstleistungen erlaubt es diese führende Position, den wachsenden ETF-Markt mitzugestalten. Die Kunden von SIX dürfen noch mehr Transparenz und Effizienz erwarten.

Anfang 2021 erwarb SIX eine Mehrheitsbeteiligung an Orenda. Marion Leslie, Head Financial Information bei SIX, betont: «Mit Orenda haben wir einen Partner gefunden, der über ein einzigartiges Know-how zu alternativen Daten, Data Science und ESG verfügt.» Durch die Akquisition würden sich, so Marion Leslie weiter, neue Möglichkeiten im Wachstumsmarkt für wirkungsorientiertes Investieren eröffnen.

«Uns wiederum ermöglicht dieser Schritt die Erschliessung einer viel breiteren globalen Kundenbasis», so Tanya Seajay. «Gleichzeitig erhalten wir die Chance, neue Lösungen zu entwickeln, welche die umfangreiche Wertpapierdatenbank von SIX mit dem spezifischen Wissen von Orenda kombinieren. » Gegen Ende 2021 wird SIX das erste Produkt mit Orenda lancieren; auf SIX iD, dem Finanzdatendisplay von SIX, werden dann alternative Daten von Orenda verfügbar sein.

«Perception is Reality» lautete das Mantra von Lee Atwater, dem Politstrategen von Ronald Reagan und George Bush Senior. Der Erfolg von alternativen Daten aus sozialen Netzwerken unterstreicht, dass Wahrnehmung heute sehr schnell zur Realität werden kann. Oder, wie Tanya Seajay es formuliert: «In den Social Media wird die Beweislast gerne umgedreht: Etwas stimmt, bis das Gegenteil davon bewiesen ist.» In einer solchen Welt sind die Anlegerinnen und Anleger wie auch die Unternehmen selbst gut beraten, dem «Zwitschern» im Social- Media-«Wald» Gehör zu schenken. 

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