Kurs auf Effizienz und Qualität dank Standards


Kurs auf Effizienz und Qualität dank Standards

Standards und Normen sind nur dem Namen nach langweilig. Sie erhöhen die Qualität von Produkten oder Services und steigern die Effizienz – nicht nur beim Verschiffen von Containern.

Die «NZZ» hat einst geschrieben, dass die Welt ohne internationale Übereinkünfte «augenblicklich auseinanderfiele». Doch trotz dieser überragenden Bedeutung fristen Standards und Normen ein Schattendasein. Höchste Zeit, das Rampenlicht einzuschalten. Vorausgesetzt der Strom fliesst. Die globalen Standards für elektrische Technologien setzt seit 1906 die International Electrotechnical Commission (IEC) fest.

Die IEC mit Sitz in Genf und Mitgliedern aus 173 Ländern kann die Begründung von insgesamt fast 11’000 internationalen Standards für sich behaupten. Dazu gehört zum Beispiel das Standby-Symbol oder IP67 und IP68, die Schutzklassen bezüglich Staub und Wasser für Smartphones und Co. Wie entwickelt man solche Standards? Anruf bei der IEC: «Das ist die hohe Kunst», antwortet Kommunikationschefin Gabriela Ehrlich. «Man darf Innovationen nicht zu früh in eine Norm zwängen, sonst besteht die Gefahr, weitere Entwicklungen zu verpassen.»

Man darf Innovationen nicht zu früh in eine Norm zwängen.

Gabriela Ehrlich, International Electrotechnical Commission

Doch auch das Gegenteil – zu lange warten – ist gefährlich. Damit kennt sich die IEC aus: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in vielen Ländern Stromleitungen bis in die Wohnungen gezogen, doch die Hersteller in jedem Land entwickelten eigene Steckdosen und Stecker. Bis heute gibt es immer noch 15 unterschiedliche Systeme. Das mag die Reiseadapterbranche freuen, doch für alle anderen Wirtschaftszweige und vor allem für Touristinnen und Touristen ist es ein grosses – anhaltendes – Ärgernis. «Die Stecker und Steckdosen umzurüsten wäre unheimlich teuer», erklärt Gabriela Ehrlich, «mir sind nur drei Länder bekannt, die etwas in diese Richtung unternommen haben: Saudi Arabien, Brasilien und Südafrika.»

Die Schweizer Finanzbranche definiert Standards für Open Finance selbst

Open Finance, also der Austausch von Kundendaten zwischen Finanzinstituten und Drittanbietern, hält weltweit Einzug. Entsprechend laut ertönt der Ruf nach Standards. Anders als in der EU, wo die Richtlinie PSD2 gewisse Vorgaben macht, können die Finanzinstitute in der Schweiz selbst Teil der Lösung werden, ohne dass es dafür den Regulator braucht. Das bedingt jedoch ein «einheitliches Verständnis der rechtlichen Rahmenbedingungen und ein koordiniertes Vorgehen der Branche», wie die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) kürzlich geschrieben hat. Gemeinsam mit dem Branchenverband Swiss FinTech Innovations (SFTI) und relevanten Marktteilnehmern hat sie darum die Zuständigkeiten definiert: Die SBVg übernimmt eine koordinierende Funktion, während der SFTI – zusammen mit anderen Marktteilnehmern – die Grundlagen für einheitliche Programmierschnittstellen, die APIs, erarbeitet.

Die neuen OpenWealth-APIs beweisen, dass dieser Ansatz erfolgreich ist. Im Dezember 2020 hatten sich Vertreter aus der Vermögensverwaltungsbranche auf gemeinsame APIs geeinigt. Der SFTI hat diese in ihren Common-API-Katalog aufgenommen. Gepflegt werden die Standards durch die eigens ins Leben gerufene OpenWealth Association, unter der Führung von Synpulse und bestehend aus den Mitgliedern St.Galler Kantonalbank, Zürcher Kanto - nalbank, Alphasys, Assetmax, Etops/Evolute und SIX. Für die Umsetzung der OpenWealth-APIs haben sich die OpenWealth-Mitglieder St.Galler Kantonalbank und Zürcher Kantonalbank darum für die Open-Finance-Plattform bLink von SIX entschieden. Die APIs ergänzen das bereits bestehende Angebot für die Buchhaltung. Der Vorteil für die Finanzinstitute liegt in der Skalierbarkeit: Sind Finanzinstitute und Drittanbieter erst einmal auf bLink, können sie mit geringem Aufwand Partnerschaften mit allen anderen Teilnehmern eingehen. Und das wiederum fördert die flächendeckende Etablierung anerkannter API-Standards im Markt.

Über unterschiedliche Stecker haben sich alle schon einmal geärgert. Doch die wenigsten von uns kommen wohl je in die Verlegenheit, die Qualität einer Grosslieferung Instantkaffee prüfen zu müssen. Kurzerhand ein Testtässchen aufzubrühen reicht nicht aus. Kaffeehändler brauchen eine objektive Basis, um die Qualität der Ware mit Lieferanten zu diskutieren und sich im Streitfall vor Gericht darauf beziehen zu können. Diese Basis liefert die International Organization for Standardization (ISO) mit ihrer Norm ISO 6670:2002: «Instant Coffee – Sampling Method for Bulk Units with Liners» – ausformuliert auf sechs Seiten. Bis zur Verfassung dieses Artikels hat die ISO 23 850 solcher Standards entwickelt und jeden Tag kommen ungefähr vier dazu.

Für Lastwagen, Züge und Schiffe

Die ISO ging 1947 aus einer Organisation hervor, die die IEC zwei Jahrzehnte früher für nicht-elektrotechnische Technologien gegründet hatte. Sie hat Mitglieder in 165 Ländern und ihr Hauptsitz ist ebenfalls in Genf. Ihre Containernorm hat den globalen Transport revolutioniert. 90 % aller ISO-Container sind 8 Fuss (ca. 2,4 m) breit, 8,5 Fuss (ca. 2,6 m) hoch und entweder 20 (ca. 6,1 m) oder 40 Fuss (ca. 12,2 m) lang. Sie passen genauso gut auf Lastwagen wie auf Züge und lassen sich auf Schiffen zu Hunderten stapeln. Und da ist die berühmte ISO 9001: Kaum ein Unternehmen ab einer bestimmten Grösse kommt um das Gütesiegel für Qualitätsmanagement herum.

Die aktuellen Beispiele zeigen, wie Standards die Qualität von Produkten und Services erhöhen und die Effizienz der globalen Wirtschaft steigern. Während der Französischen Revolution waren selbstredend Liberté, Égalité und Fraternité die Treiber zur Vereinheitlichung. Das neue, universale System beendete die Willkür der Lokalregierungen, wo auch schon mal die Armlänge des Herrschers massgebend war. Auf 250’000 verschiedene Einheiten für Länge und Gewicht folgten der Urmeter und das Urkilogramm.

Standards können Brände löschen

Doch nicht immer waren es hehre Motive, die Standards hervorbrachten. So konnten britische Ingenieure im 19. Jahrhundert das Ohm als De-facto-Standard für elektrischen Widerstand durchsetzen und brachten damit dem Empire eine globale Dominanz in der Telegrafenbranche. Ähnliches gelang dem Öl-Tycoon John D. Rockefeller, der um 1870 Petroleumlampen in China verkaufte, die nur mit dem von ihm verkauften Petroleum funktionierten.

Leider tritt dieser sogenannte Lockin-Effekt, die Abhängigkeit von einem Anbieter, bis heute in verschiedenen Branchen immer wieder auf. Zum Glück – und dank vieler Standards – nie mehr so dramatisch wie 1904, als in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland ein verheerender Brand ausbrach. Städte aus nahe gelegenen Bundesstaaten entsandten ihre Feuerwehrwagen, doch deren Schläuche waren nicht kompatibel mit den lokalen Hydranten. 30 Stunden lang wütete der Brand und zerstörte 2500 Häuser.

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