Open Banking beantwortet «Standard»-Fragen


Open Banking beantwortet «Standard»-Fragen

Open Banking gilt als die stille Revolution der Finanzbranche. Für Schweizer Banken und Versicherungen ist es die Chance, im Wettbewerb mit den grossen Technologieunternehmen zu bestehen.

In den 1920er-Jahren wurde die Steckdose breit eingeführt und fast alles ging schief. Die amerikanische Lösung hätte sich durchsetzen sollen, doch sie galt als wackelig und unsicher. In Kürze entwickelten sich 15 internationale Standards, die trotz intensiver Bemühungen nicht vereinheitlicht werden konnten. Dies jetzt nachzuholen ist beinahe unmöglich: Dazu müsste die bestehende Infrastruktur ausgetauscht werden, das heisst alle Steckdosen und Stecker.

Vor einer ähnlichen Situation steht die Finanzbranche: Open Banking, also der vom Kunden initiierte, standardisierte und gesicherte Austausch von Kundendaten zwischen Banken und anerkannten Drittanbietern, den sogenannten Third Party Providers (TPPs), hält derzeit weltweit Einzug. Die «Financial Times» nennt Open Banking gar die «stille digitale Revolution». Doch wie bei den Steckdosen schiessen verschiede Standards und Lösungen ins Kraut: In der EU schreibt eine Richtlinie namens Payment Services Directive (PSD2) zwar vor, welche Daten Finanzinstitute teilen müssen, aber nicht, wie der Austausch erfolgen soll. In Asien gibt es einen Wildwuchs von Schnittstellen. In den USA entwickelten die Banken individuelle Lösungen mit ihren Partnern. Und Grossbritannien hat zusätzlich zur dort geltenden PSD2 auch noch ein eigenes Gesetz zu Open Banking erlassen.

Der digitale Schlüssel

Das Problem ist nicht trivial: Wo neue Dienstleistungen entstehen und auf das Interesse von Kunden stossen, benötigen diese immer häufiger Bank- oder Versicherungsdaten unabhängig davon, bei welchem Institut ein Konto besteht oder eine Police liegt. Sei dies zum Beispiel für den automatischen Abgleich von Bankkonten mit Buchhaltungsprogrammen oder eine Zahlung via Mobile-Payment- Lösung. All diese Situationen setzen eine Schnittstelle voraus, eine Art Stecker mit Steckdose, welche die Daten sicher, zuverlässig und schnell überträgt.

Als Modus Operandi für diese Art digitaler Schnittstellen haben sich APIs durchgesetzt. Die Abkürzung steht für Application Programming Interface oder, auf Deutsch, Programmierschnittstelle. Beispiele sind Apple oder Google, die über APIs definieren, wie Apps von Drittherstellern mit den Betriebssystemen von iPhones oder unter Android kommunizieren müssen. In einer Welt, in der immer mehr Systeme miteinander «sprechen», seien APIs der «Schlüssel zu einer erfolgreichen digitalen Transformation», schreibt beispielsweise der «Business Insider». «APIs werden auch in Zukunft die entscheidende Rolle spielen bei der Kommunikation von verschiedenen digitalen Systemen», sagt Cornelius Dorn, Head Strategy & Business Development in der Geschäftseinheit Banking Services von SIX, «doch gilt es möglichst zu vermeiden, dass bei gleichen Themen jedes Finanzinstitut seine eigenen APIs baut.» Es drohe ein ähnliches Szenario wie bei der Steckdose – jedoch bereits innerhalb der Schweiz. Cornelius Dorn, der sich auch in der Arbeitsgruppe Open Banking der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) engagiert, warnt vor einem API-Dschungel, «das würde die Innovation in der Schweiz stark bremsen. Für kleine Unternehmen ist es unmöglich, die APIs von jeder Bank oder Versicherung zu integrieren».

Für kleine Unternehmen ist es unmöglich, die APIs von jeder Bank oder Versicherung zu integrieren.

Cornelius Dorn, SIX

Das Innovationsargument liegt dem promovierten Ingenieur besonders am Herzen. Er führt aus: Die vielen jungen FinTechs «lösen meist einzelne Probleme – das tun sie aber richtig gut, oft besser als traditionelle Finanzinstitute». Doch Endkundinnen und -kunden würden nur selten profitieren: Niemand lade sich 15 Apps auf das Smartphone, von denen jede eine einzige Dienstleistung beherrscht und die nicht integriert sind. Traditionelle Finanzinstitute ihrerseits hätten wegen der komplexen Geschäftsmodelle und der über Jahre gewachsenen komplexen Infrastruktur Schwierigkeiten, in hohem Tempo neue, externe Lösungen in ihr Angebot aufzunehmen.

Was tun? In den Anfangszeiten der Digitalisierung gab es viele Berührungsängste zwischen alteingesessenen Schweizer Finanzinstituten und den disruptiven FinTechs – keine erfolgversprechende Strategie wie beispielsweise die Medienbranche zeigt. Einige Verlagshäuser verwehrten sich den neuen Produkten und Kanälen und verpassten so den Anschluss. Doch die meisten Banken und Versicherungen legten ihre anfängliche Skepsis relativ schnell ab. Thomas Gottstein, Chef der Credit Suisse Schweiz, verkündete bereits 2016, dass die Bank das Prinzip der «Frenemies » anwende, bei dem aus Rivalen (enemies) Geschäftspartner (friends) werden: «Die jungen Wilden arbeiten mit uns, den traditionellen Instituten, zusammen.»

Kunst nach Knoten: Bei Open Banking verknüpfen sich die verschiedenen Teilnehmer über standardisierte Verbindungen. Die US-amerikanische Künstlerin Janet Echelman verbindet weltweit Gebäude, indem sie wortwörtlich Netzwerke knüpft. Inspiriert von den Netzen indischer Fischer schafft sie mit leichten, filigranen Materialien voluminöse, sich sanft bewegende Skulpturen im öffentlichen Raum.

Die Uhr tickt

Doch wie weit geht die Zusammenarbeit zwischen der alten und der neuen Finanzwelt? Laufen die Finanzinstitute Gefahr, ihr Tafelsilber – die Kundenbeziehungen und -daten – zu verscherbeln oder wie in der EU unter PSD2 gezwungenermassen sogar zu verschenken? Die «Handelszeitung» schrieb kürzlich, in der europäischen Bankenwelt gehe ein Gespenst um, «das Gespenst des Open Bankings ». Die Banken bemühten sich darum, «auch nach der erzwungenen Öffnung den Kontakt zu ihren Endkunden nicht zu verlieren ». «Banken, die als First Mover beim Open Banking mitmachen, können viel gewinnen », sagt Nicolas Guillet, Projektleiter E-Business bei Abacus, dem Unternehmen hinter der gleichnamigen ERP-Gesamtlösung und Abaninja.ch, einem Cloud-basierten Fakturierungstool für KMU. José Fernández, zuständig für das Partnermanagement bei Klara.ch, einem Anbieter von digitalen Lösungen für sämtliche administrativen Belange, ergänzt: «Indem Banken sich aktiv im Ökosystem beteiligen, können sie kollaborativ neue Geschäftsmodelle entwickeln.»

«Die Anbindung der Dienstleistungen von Drittparteien entspricht dem Kundenwunsch nach integrierten Lösungen», bestätigt auch Herbert Scheidt, der Präsident der SBVg kürzlich in einem Interview. «Die SBVg sieht im Open Banking grosses Potenzial für den Finanzplatz Schweiz», lehnt aber «eine staatlich erzwungene, einseitige Öffnung von Zugriffsrechten für Dritte, wie es die PSD2 in der EU verlangt», ab.

Unsere Bildstrecke zeigt Janet Echelmans Werk «Dream Catcher» am Sunset Strip in West Hollywood. Es verbindet die zwei Türme eines Hotels und im übertragenen Sinn die Träume der schlafenden Gäste.

Cornelius Dorn ist überzeugt, «dass die Uhr tickt» für den Schweizer Finanzplatz. «Werden wir nicht selbst aktiv und finden innovative Lösungen, droht unseren Finanzinstituten, von den grossen amerikanischen Technologiefirmen aus dem Markt gedrängt zu werden». In der Tat nähern sich Apple, Google und Co. immer mehr den Banken und Versicherungen an – oft mit Zahlungsverkehrslösungen als Einstieg. So hat Facebook erst kürzlich angekündigt, nächstes Jahr eine eigene globale Währung namens Libra herauszugeben. Über eine Bankenlizenz verfügt das kalifornische Social-Media-Unternehmen schon seit 2016.

Die Petrischale des Bankings

Um dem Schweizer Finanzplatz einen effizienten Einstieg ins Open Banking zu ermöglichen, hat SIX darum eine einheitliche Datenaustauschplattform entwickelt – ohne regulatorischen Zwang und entlang der Bedürfnisse von Kunden, Banken, TPPs und anderen möglichen Teilnehmern. «Die Plattform von SIX wird Massstäbe für effizientes Open Banking auf dem Schweizer Finanzplatz setzen», sagt Cornelius Dorn, «und allen Teilnehmern eine hohe Sicherheit garantieren.»

Die Plattform wird die verschiedenen Teilnehmer via standardisierte APIs verbinden, sodass diese neue, innovative sowie benutzerfreundliche Lösungen entwickeln und einfacher zum Kunden bringen können. «Sie soll auch eine Art Petrischale sein, wo Ideen und Geschäftsmodelle kultiviert werden», erklärt Cornelius Dorn. Es gebe auch andere Ansätze in der Schweiz, «doch die Plattform von SIX ist derzeit die einzige Lösung, die von einem zentralen Infrastrukturdienstleister angeboten wird. Zudem kommt sie ohne ‹Abkürzungen› wie Screen Scraping aus». Damit meint er das automatische Auslesen von Daten direkt ab Computerbildschirm, das einige Unternehmen notgedrungen betreiben, wenn ihnen keine Schnittstellen zur Verfügung stehen. Screen Scraping hat einen schlechten Ruf, es gilt als fehleranfällig und wird gerne von Hackern missbraucht.

Die Anbindung von Dienstleistungen von Drittparteien entspricht dem Kundenwunsch nach integrierten Lösungen.

Herbert Scheidt, SBVg


Ein weiterer Vorteil der Plattform von SIX: «Sollten sich internationale Standards durchsetzen, könnten wir unsere Plattform an diese anpassen», so Cornelius Dorn. «Damit würden wir auch kleinen, hoch spezialisierten Schweizer Start-ups erleichtern, ihre Services international zu vertreiben.» Die «Handelszeitung» bezeichnete die Lösung von SIX, die zur Lancierung zunächst Unternehmenskunden zur Verfügung stehen wird, bereits im April als Meilenstein für das Open Banking in der Schweiz. Im Juli startete der Pilotbetrieb (siehe Box unten).

McKinsey & Company schreibt in einem grossen Report über Open Banking, dass Veränderungen selten angenehm seien, dass man den Kräften des Wandels aber nicht entrinnen könne. «Die Banken sind besser beraten, dem Trend voraus zu sein und ihn selbst zu prägen, als einen hoffnungslosen Kampf zu führen, um ihn zu verhindern.»