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Veröffentlicht am
5 Dezember 2024
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Benötigtes Wissen
Seit dem 20. August 2024 bieten über 60 Schweizer Finanzinstitute Instant-Zahlungen an. Bis Mitte 2025 dürften rund 30 weitere hinzukommen. Am Einführungstag verrechneten die Institute 3308 Zahlungen erfolgreich, drei Tage später war die 10 000er-Marke erreicht. Die durchschnittliche Verarbeitungszeit (gemessen vom Eingang im SIC-System bis zum Ausgang der Meldung nach Clearing und Settlement) sank von anfänglich gut 2 Sekunden auf 1,6 Sekunden im September, wobei die von SIC beanspruchte Zeit unter 20 Millisekunden liegt. Die Zahl der verrechneten Transaktionen pendelte sich im gleichen Monat im hohen vierstelligen, teilweise im tiefen fünfstelligen Bereich ein; der durchschnittliche Betrag einer Instant-Zahlung lag bei rund 1200 Schweizer Franken, und im ganzen Monat fanden Transaktionen in Höhe von über 230 Millionen Franken statt.
Die Macht der Gewohnheit
Interessant ist auch das Verhalten der Marktteilnehmer ausserhalb des Finanzsektors. Bei den zahlenden Parteien zeigt sich, dass sie bei der Auslösung von Instant-Zahlungen an langjährigen Verhaltensmustern festhalten. So sinken die täglich eingelieferten Zahlungen am Wochenende regelmässig auf nur noch 2-4000 Transaktionen pro Tag, während die Transaktionszahlen an Montagen und Freitagen ebenso regelmässig im fünfstelligen Bereich liegen. Hinzu kommt, dass trotz 24-Stunden-Verfügbarkeit der Grossteil der Zahlungen nach wie vor während der Geschäftszeiten (zwischen 08:00 und 16:00 Uhr) eingeliefert wird. Sicherlich wird sich dieses Verhalten, das viel mit Gewohnheit zu tun hat, im Laufe der Zeit ändern – und für das Instant-System ist es nicht besonders relevant, wann genau mehr oder weniger Zahlungen eingehen.
Über das E-Banking hinaus
Die Anwendungsfälle sind in dieser Anfangsphase noch begrenzt. Sie konzentrieren sich fast ausschliesslich auf die E-Banking-Funktionen der Finanzinstitute, die bereits ein Kundenangebot lanciert haben. Für die Verbreitung der neuen Zahlungsart an der Kasse im Detailhandel oder im E-Commerce reicht die Instant-Fähigkeit der zentralen Infrastruktur und der angeschlossenen Banken noch nicht aus. Der Verwaltungsrat von SIX Interbank Clearing hat deshalb frühzeitig diskutiert, wie der neue SIC-IP-Service künftig auch interessierten Anbietern von Bezahllösungen (Payment Schemes) für Konto-zu-Konto-Zahlungen zur Verfügung gestellt werden kann.
Im Oktober 2023 startete das Projekt «Scheme on Scheme». Es untersuchte die Möglichkeiten eines standardisierten und diskriminierungsfreien Zugangs für Payment Schemes und evaluierte, inwieweit der SIC-IP-Service angepasst werden kann, um künftig Zahlungen über Payment Schemes abzuwickeln. Neben dem Ziel, die Nutzung und Verbreitung von Instant-Zahlungen zu fördern, stand der Gedanke, dass die Erschliessung neuer Anwendungsfälle Innovationen fördert und Gegenparteirisiken minimiert.
In der Folge erarbeitete das Projektteam in enger Zusammenarbeit mit der Nationalbank sowie mit einigen Finanzinstituten und elf Marktakteuren, die einer Einladung zur Mitarbeit gefolgt waren, das Konzept einer «Instant Payments Bridge» für den SIC-IP-Service. Dabei legten sie drei grundlegende Designprinzipien fest (Einlieferung immer über SIC-Standardteilnehmer, Fokus auf Konto-zu-Konto-Zahlungen und keine Autorisierungsfunktionen im SIC-System) und diskutierten verschiedene Anforderungen. Diese fokussierten einerseits auf einzelne Funktionen bei der Meldungsübermittlung (z. B. E2E-Referenzen oder Identifikation der Payments Schemes in der Zahlungsmeldung) und andererseits auf sinnvolle Schnittstellen (z. B. Marktstandard für die Kommunikation zwischen Finanzinstitut und Payment Schemes oder Verfügbarkeit von Bestätigungsmeldungen über eine Schnittstelle zwischen SIC und Payments Schemes – im Konzept als «Confirmation API» bezeichnet). Das erarbeitete Grobkonzept stellte SIX schliesslich Mitte August 2024 in Form eines Konsultationsverfahrens zur Verfügung. Interessierte Parteien hatten bis Ende September 2024 Zeit, ihre Kommentare und Ideen einzureichen.
Rege Beteiligung
Nicht weniger als zwanzig Firmen und Organisationen haben bei der Konsultation zum Grobkonzept Beiträge geliefert. Die Konsultationsteilnehmer kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Zahlungsverkehrsökosystems. So haben acht Finanzinstitute, vier Payment Schemes und drei Softwareunternehmen Input gegeben. Weitere fünf Organisationen fielen in die Kategorie «Sonstige», darunter ein grosser Dienstleister, der sich keiner der vorgenannten Kategorien eindeutig zuordnen lässt, sowie ein bedeutender Schweizer Wirtschaftsverband. Die rege Beteiligung und die Tatsache, dass alle Teilnehmer das Grobkonzept begrüssten und viele es sogar als «notwendige Weiterentwicklung» betrachteten, zeigt deutlich, dass die Entwicklung einer «Instant Payments Bridge» sinnvoll, wenn nicht gar notwendig ist.
Fachliche Herausforderungen
Wie sieht es mit konkreten Beiträgen zum Grobkonzept aus? Zunächst ist festzuhalten, dass die Auswertung der Rückmeldungen und die Ableitung erster konkreter Massnahmen sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Wir stehen vor der Herausforderung, einen Freitext-Korpus von über 100 A4-Seiten auszuwerten, was selbst mit modernsten KI-Tools nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass mit dem Grobkonzept eher vage Vorstellungen und keine detailliert spezifizierten Inhalte in die Konsultation geschickt wurden. Zahlreiche Einsender haben dies ausdrücklich bemängelt, entsprechend viele Rückfragen gestellt und teilweise um eine Nachkonsultation gebeten. Auf der positiven Seite scheint diese – zugegebenermassen eher unübliche – Vorgehensweise aber auch sehr fundierte und konstruktive Kritik hervorgerufen und kreative Ideen gefördert zu haben, was in dieser frühen Phase sicherlich von grossem Vorteil ist.
Ebenso ist bereits jetzt absehbar, dass die Meinungen der verschiedenen Marktakteure oft sehr unterschiedlich und teilweise widersprüchlich sind. So reicht beispielweise das Meinungsspektrum bezüglich eines angedachten Marktstandards für die Schnittstelle zwischen Payments Schemes und Finanzinstituten von der Forderung, dass SIX diesen definieren, vorgeben und betreiben soll, bis hin zur Aussage, dass dies besser dem freien Markt überlassen werden sollte. Zu fast allen Mehrheitsmeinungen findet sich auch das jeweilige Gegenteil. So etwa bei der Beurteilung der Funktion einer «Confirmation API», die 14 Teilnehmer als sinnvoll, teilweise sogar als notwendig erachten, während drei Inputgeber vor allem wegen der befürchteten
zusätzlichen Kosten klar von einer Umsetzung abraten. Auch bei der Bewertung des publizierten Zeitplans werden die unterschiedlichen Auffassungen deutlich: Während einige kritisieren, dass die Planung einen viel zu langen Zeitraum vorsieht, um erste Umsetzungen zur Marktreife zu bringen, gibt es auch vereinzelte Stimmen, die das Konzept als potenziell «zu früh» bezeichnen, da noch mehr Erfahrungen mit Instant-Zahlungen gesammelt werden müssten.
Weiteres Vorgehen
Es liegt auf der Hand, dass hier nicht nur der Finanzsektor, sondern die gesamte Wirtschaft vor einer grossen Herausforderung dahingehend steht, alle Gesichtspunkte zu berücksichtigen und dennoch einen für alle Beteiligten tragfähigen Kompromiss zu finden. Dies ist zwar für ein Gemeinschaftswerk wie das SIC-System nichts Ungewöhnliches. Die Tatsache aber, dass mit Instant-Zahlungen und den damit verbundenen End-to-End-Prozessen viele weitere Marktakteure ihre Interessen berücksichtigt sehen wollen, hebt diesen Prozess auf ein bisher nicht gekanntes Niveau. Gemeinsam mit der Nationalbank wird sich das verantwortliche Team bei SIX vorerst die Zeit nehmen, die Inputs seriös auszuwerten und der Öffentlichkeit in einem Konsultationsbericht zur Verfügung zu stellen. Bis Ende Jahr wird das Thema sicher auch im Verwaltungsrat breiten Raum einnehmen, und es ist denkbar, dass bereits im ersten Quartal 2025 erste Arbeitsgruppen mit der Vertiefung einzelner, konkreter Themen beginnen werden.
Denn eines ist klar: Weder die Nationalbank noch SIX oder ein anderer Marktakteur allein kann die Bedürfnisse des Gesamtmarktes in diesem Zusammenhang vollständig überblicken und die richtige Lösung mittels Vorgaben oder technischer Umsetzung bereitstellen. Dazu braucht es – selbstverständlich unter Berücksichtigung aller kartell- und wettbewerbsrechtlichen Vorgaben – eine ausserordentlich hohe Kooperation zwischen den verschiedensten Akteuren, von den Finanzinstituten über den Softwaresektor und die Anbieter von Bezahllösungen bis hin zu Zahlungsempfängern aus den unterschiedlichsten Branchen. Dies alles mit dem Ziel, die Nutzung von Instant-Zahlungen auszuweiten, Innovationen zu fördern, Gegenparteirisiken zu minimieren und den Zahlungsverkehr der Zukunft insgesamt und für alle Beteiligten so effizient wie möglich zu gestalten.
Thomas Hildebrandt Head Payments Solutions, SIX
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