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Veröffentlicht am
5 Dezember 2024
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Zu Besuch bei Thomas Ankenbrand, Professor für FinTech an der Hochschule Luzern
«Hallo, ich bin Thomas» – ein gut gelaunter Professor Ankenbrand empfängt uns an einem trüben Oktobertag zu einem Gespräch über Zahlungslösungen. Thomas Ankenbrand, Professor für Fintech, führt uns in Turnschuhen, Jeans und Pulli durch den 2019 eröffneten Campus. Die Hochschule Luzern heisst zwar so, ist aber eigentlich eine gemeinsame Einrichtung der sechs Zentralschweizer Kantone. Hier in Rotkreuz, Kanton Zug, sind das Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ und das Departement Informatik angesiedelt.
An diesem Dienstag ist die Fachhochschule gut besucht. Uns fällt auf, dass das Geschlechterverhältnis unter den Studierenden relativ ausgeglichen ist. «Sollte das heute wirklich noch ein Thema sein?», fragt Ankenbrand. Dass der Professor seiner Zeit gerne voraus ist, wird sich später auch beim Thema Zahlungsverkehr zeigen.
In der Studie «The Future of Invoicing» hat das Team von Ankenbrand die Vor- und Nachteile der vier in der Schweiz gängigen Ansätze zur Rechnungsstellung jeweils aus Sicht der Rechnungssteller und derjenigen, die die Rechnungen erhalten, untersucht. Bei allen elf untersuchten Kriterien der Nutzwertanalyse – zum Beispiel Sicherheit, Kosten, Komfort, Effizienz oder Nachhaltigkeit –, liegt eBill auf Platz 1 oder 2.
«Thomas, was macht diese Technologie so gut?»
«Für mich ist die Sicherheit das A und O», sagt der 58-Jährige. Die Antwort überrascht, geht es doch bei eBill vor allem um Benutzerfreundlichkeit. Doch Ankenbrand erklärt: «Das Interessante an dieser neuen Plattform ist, dass beide Rechnungsparteien im selben System arbeiten. Das heisst, es muss nichts übertragen, gescannt oder abgetippt werden – es gibt keinen sogenannten Medienbruch. Das ist wichtig, denn Medienbrüche sind Fehlerquellen und Einfallstore für Betrug», so Professor Ankenbrand. Und weiter: «Dieses geschlossene System erschwert, dass jemand in die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger eingreifen kann. Das Ganze ist durchgängig verschlüsselt.» Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Bis heute ist kein einziger Betrugsfall auf der eBill-Plattform bekannt.
Ankenbrand selbst nutzt die eBill-Plattform seit der ersten Stunde. Trotzdem findet er es gut, dass es in der Schweiz auch andere Zahlungsmöglichkeiten gibt. «Eine gewisse Redundanz und Wahlfreiheit stärkt das System.» Je nach Situation gebe es gute Gründe, die eine oder andere Technologie zu nutzen: «Vielleicht möchte man das Geschenk für den Partner oder die Partnerin lieber nicht über das gemeinsame Konto bezahlen.» Ähnlich redundant geht der Ökonom mit Bargeld um: Obwohl er es fast nie braucht, hat er immer einen gewissen Betrag dabei. «Man weiss ja nie!», sagt er.
Wir sprechen über die Zukunft von eBill: «Die Bevölkerung der Schweiz beträgt neun Millionen Menschen», sagt Ankenbrand. «Für eine skalierbare Technologie, die ihre Nutzerbasis erweitern will, ist dieser Markt eher klein.» Eine Option wäre die Expansion auf den europäischen Markt, wo es bisher nichts Vergleichbares gibt. Dazu wäre allerdings eine Harmonisierung mit dem EU-Regelwerk notwendig.
Für realistisch hält er auch, dass sich eBill öffnet und zur Speerspitze eines «Open Billing»-Systems wird. Was er damit meint: «In Zukunft fährt mein selbstfahrendes Auto autonom zur Ladestation. Diese schickt mir dann eine automatisierte Rechnung, direkt in mein eBill-Postfach.» Oder: «Ich bin in den Ferien und möchte das Hotel bezahlen: Eine App auf meinem Handy zeigt mir dann an, was der günstigste Weg ist – Kreditkarte in Euro, Kreditkarte in Franken, PayPal – oder vielleicht eine Rechnung, die in meinem Postfach landet?». Damit solche Dienste mit der eBill-Plattform kommunizieren können, braucht es standardisierte Schnittstellen im Sinne von «Open Billing».
Das Gelände, auf dem sich der Campus der Hochschule befindet, heisst Suurstoffi. Was nach Höhentraining und O2 Zufuhr klingt, hat mit der Vergangenheit zu tun: Früher produzierte hier die Firma «Sauerstoff- & Wasserstoff-Werk Luzern AG». Vor einigen Jahren hat eine Zuger Immobilienfirma das Industrieareal übernommen und seither auf Nachhaltigkeit getrimmt: Auf den Balkonen der Neubauten wachsen Bäume, auf den Dächern prangen Photovoltaikanlagen. Die Gemeinde Risch, zu der Rotkreuz gehört, wächst seit Jahrzehnten rasant. Lebten 1982 noch 4200 Menschen hier, sind es heute über 11 000. Kein Wunder, dass Risch im Gemeinderanking der «Handelszeitung» Jahr für Jahr weit vorne liegt. An diesem grauen Vormittag zählen wir deutlich mehr Baukräne als Menschen.
Vom Sitzungszimmer bis zum Bahnhof sind es zu Fuss keine 50 Meter. Trotzdem verpassen wir den Zug. Pech oder Glück? Gleich neben dem Bahnhof entdecken wir eine ausgezeichnete Bäckerei. Nur das POS-Terminal ist gerade ausser Betrieb. Wir denken an Thomas Ankenbrand – und zücken zufrieden einen Fünfziger aus dem Portemonnaie.
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