«eBill: der iPhone-Moment des Zahlungsverkehrs»

Autor/-in

Simon Brunner

Veröffentlicht am

8 Juli 2026

Lesezeit

Minuten

Zu Besuch bei Urs Bieri, Co-Leiter gfs.bern 

Welche Firma könnte das sein? Das Büro, einen Steinwurf vom Bahnhof Bern entfernt, Altbau, 5. Stock. Die Arbeitsplätze stehen dicht an dicht, auf den Schreibtischen türmen sich Bildschirme, es herrscht emsige Betriebsamkeit. Die Leute sind leger gekleidet, am Empfang sitzt ein distinguierter, älterer Herr, hinter ihm hängen Abstimmungsplakate zum Frauenstimmrecht. 

Wir sind zu Besuch bei gfs.bern, einem der ältesten Meinungsforschungsinstitute der Schweiz. Seit seiner Gründung im Jahr 1959 hat es über 250 Abstimmungen begleitet. Am bekanntesten sind die Trendumfragen: «Wenn morgen abgestimmt würde, wie würden Sie sich entscheiden?». Das öffentliche Gesicht von gfs.bern ist Co-Leiter Lukas Golder, der bei nationalen Wahlen im Fernsehstudio sitzt und der Schweiz die Zahlen erklärt. 

Heute treffen wir Urs Bieri, den anderen Co-Leiter, der 2016 zusammen mit Lukas Golder das Institut von ihrem berühmten Vorgänger Claude Longchamp übernommen hat. «Ich bin eher der Innenminister», sagt Bieri. «Ich trete seltener im Fernsehen auf, weil ich nicht gerne erkannt werde, wenn ich eine Fertigpizza kaufe.»

Für SIX hat Bieri mehrere Studien zum Zahlungsverkehr durchgeführt. Sein Fazit: «Die Einführung von eBill war ein iPhone-Moment für den Zahlungsverkehr in der Schweiz». Was er damit meint: «Niemand hat nach dieser einen Lösung gefragt, aber als sie da war, hat sie sich sofort durchgesetzt.» Seit 2018 kann man über die Plattform eBill-Rechnungen bezahlen – und 2024 taten dies bereits 3,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. 

Eine neue Technologie müsse drei Dinge erfüllen, damit sie sich schnell verbreitet, erklärt Bieri. Sie müsse «sicher und einfach sein und einen klaren Nutzen bieten». eBill erfülle alle diese Kriterien: 

  1. Sicher: Bis heute ist kein einziger Betrugs- oder Missbrauchsfall bekannt.
  2. Einfach: In einer gfs.bern-Studie von 2023 gaben 76 % der Befragten an, eBill sei «schnell, einfach und bequem». 
  3. Nützlich: In der gleichen Studie betonten die Befragten, dass eBill ihr Leben vereinfache. Als Vorteile nannten sie: «weniger Papierrechnungen» (69 %), «weniger Aufwand» (54 %), «weniger Gedanken über die Rechnung» (44 %), «weniger E-Mails» (22 %).

Weil eBill dieses «Innovationsdreieck» erfüllt, so Bieri, kennen heute 91 % der Schweizer Bevölkerung die Plattform und 89 % der Nutzerinnen und Nutzer geben ihr eine Note zwischen 7 und 10 (1 = «sehr unzufrieden», 10 = «sehr zufrieden»).

Trotz der hervorragenden Beurteilung sieht Bieri noch Luft nach oben. «Mich interessiert, warum nicht alle das eBill-System nutzen.», sagt er. Die Antwort liege in der Demografie: «Ältere Menschen sind an Papierrechnungen gewöhnt. Sie wählen diese Zahlungsart, auch wenn sie dafür einen Aufpreis zahlen müssen.» Auch bei seiner Mutter beobachtet er, dass sie die Rechnungen sammelt und einmal im Monat zur Post bringt. Ob sie jemals eBill nutzen wird? «Das kann ich mir nicht vorstellen», meint Bieri. Da dieser ältere Teil der Bevölkerung schwer von der eBill-Plattform überzeugt werden kann, wird sie derzeit kaum weiter wachsen. Die demografische Entwicklung werde aber dafür sorgen, dass die Papierrechnung nach und nach verschwindet.

Immer wieder wird Bieri nach seiner Meinung zu Kryptowährungen gefragt. Da diese im «Innovationsdreieck» deutlich schlechter abschneiden als eBill, ist Bieri überzeugt, dass sie sich (noch) nicht als Alltags-Zahlungsmittel eignet. «Es gibt viele bekannte Missbrauchsfälle – Bitcoin und Co. gelten kaum als sicher», sagt er. «Zudem sind sie nicht benutzerfreundlich – man muss sich ein Wallet zulegen und kann damit fast nirgends bezahlen.» Auch der Nutzen sei fraglich: «Was habe ich davon, wenn ich meine Handyrechnung mit Bitcoin begleiche?»

Ein weiterer Aspekt, den Bieri untersucht hat: Mit der Umstellung auf eBill ändert sich das Zahlungsverhalten: Während Personen, die eBill nicht nutzen, meist nur einmal im Monat ihre Rechnungen gesammelt begleichen – so wie Bieris Mutter –, tun dies eBill-Nutzerinnen und -Nutzer mehrmals monatlich. Das Geld erreicht den Rechnungssteller also schneller. Ähnliches zeigt eine interne Studie der SBB, einem der grössten Rechnungssteller der Schweiz. Die SBB haben festgestellt, dass sie mit eBill seltener mahnen müssen und – weil zudem Porto und Druck entfallen – rund 30 Rappen pro Rechnung sparen (siehe PAY #10 – 2023).

Bieri, Vater von zwei Kindern im Teenageralter, trägt kaum Bargeld bei sich – für Onlineeinkäufe nutzt er Kreditkarten, TWINT und PayPal. TWINT-Sticker scannt er aber nicht ein, «weil es für Betrüger zu einfach ist, sie mit den eigenen Kontodaten zu überkleben». 

Ein Grossteil von Bieris Aufträgen ist politischer Natur. Was macht ihm mehr Spass, die Politik oder die Wirtschaft? Bieri lacht und überlegt. Dann fügt er hinzu: «Der Zahlungsverkehr ist ein hochpolitisches Thema – da gibt es keinen Unterschied». 

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