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Veröffentlicht am
15 März 2023
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Also fangen wir mit der vertrauenswürdigsten aller Quellen an: Gemäss Statistik der Schweizerischen Nationalbank wurden im August 2022 in der Schweiz erstmals mehr Zahlungen mit Karten als mit Bargeld getätigt. Das ist nur konsequent, wenn man sich vor Augen führt, dass wir uns fast alle an das kontaktlose Zahlen an der Ladenkasse gewöhnt haben. Noch vor wenigen Jahren war das wenig verbreitet und fand vor allem dort statt, wo die eilige Laufkundschaft bezahlen wollte: in grossen Bahnhöfen. Inzwischen haben wir uns alle daran gewöhnt, Karten statt Bargeld zu nutzen – weil es nämlich schneller und bequemer ist. Die (unberechtigte) Angst vor dem Coronavirus auf dem Bargeld hat das noch beschleunigt.
Sodann: Käufe im Internet bei Online-Händlern haben rasant zugenommen. Die Anzahl der Transaktionen wuchs im Zeitraum von 2016 bis 2021 durchschnittlich um 9 % pro Jahr, das Volumen sogar um 12. Das führt zu einer Verdoppelung in rund acht beziehungsweise fünf Jahren. Rund 14 % der Käufe in der Schweiz, also jeder siebte, findet heute online statt. Auch bei den E-Commerce-Zahlungen wäre es falsch, die rasante Entwicklung vor allem auf die Pandemie zu schieben. Sie wirkte zwar als starker Beschleuniger, den Trend gab es aber schon lange vorher. Seit einigen Jahren gibt es genügend Angebote online – und es ist einfach bequemer, die Dinge am Computer oder Mobile auszusuchen und dann nach Hause geliefert zu bekommen.
Noch schneller wachsen Zahlungen, die man von mobilen Geräten aus auslöst. Im Zeitraum von nur vier Jahren haben sich in der Schweiz die mit TWINT getätigten Zahlungen um den Faktor 20 erhöht. Wir haben uns daran gewöhnt, einen QR-Code mit TWINT zu scannen, statt erst eine Karte hervorzukramen. Nimmt man die Zahlungen mit Karten hinzu, die in digitalen Wallets hinterlegt sind, so sind die Zahlungen mit mobilen Geräten im Zeitraum von 2019 bis 2022 um den Faktor 8,5 gestiegen. Warum? Weil wir das Smartphone sowieso dauernd in der Hand halten und es einfach bequemer ist, damit auch gleich zu bezahlen!
Sie haben es bemerkt: Treiber der Entwicklung sind zunächst technische Neuerungen. Aus neuen technischen Möglichkeiten entstehen neue Geschäftsmodelle und digitale Angebote, die uns wiederum neue Verhaltensweisen ermöglichen. Bei Zahlungen sind dies konkret die Near-Field Communication an den Schnittstellen zwischen den Händlern und der Kundschaft sowie die Möglichkeit zur Hinterlegung (Tokenisierung) von Karten in digitalen Wallets.
Solche Innovationen müssen nicht unbedingt – wie es oft behauptet wird – ein Problem lösen. Es reicht aus, wenn sie das Leben bequemer machen. «Bequemlichkeit ist die listige Mutter der Technik», sagte vor einiger Zeit der deutsche Philosoph Manfred Hinrich. In der Regel reichen drei erfolgreiche Versuche, damit wir neue Zahlformen in unser aktives Verhalten integrieren – vorausgesetzt, dass sie für unser Empfinden einfacher sind als die bisherigen. Bedenken bezüglich der Sicherheit des Gelds oder der persönlichen Daten spielen dann schnell einmal nur noch eine untergeordnete Rolle.
Denkt man also über das alltägliche Zahlen in der Zukunft nach, so wird auch ohne Glaskugel klar: Wir werden Zahlungen künftig mithilfe von Geräten auslösen, die wir sowieso bei uns tragen. Das könnten Smartphones sein, aber auch Brillen werden sich vielleicht eines Tages dafür eignen – oder sogar in den Unterarm implantierte Chips. Tönt ein wenig gruselig; gibt es aber schon. Das Wichtigste dabei ist: Die Auslösung von Zahlungen wird immer weniger Aufmerksamkeit erfordern, weil der Alltag für uns dadurch bequemer wird. Wir haben keine Freude am Zahlvorgang selbst, also werden die bequemeren Lösungen langfristig alle anderen Optionen verdrängen. Wir Nutzerinnen und Nutzer wollen es so.
Bequemlichkeit soll auch durch «eingebettete» Zahlungen steigen. Sie zahlen fürs Parkieren inzwischen bestimmt auch mit TWINT statt mit Münze, oder? Verständlich, denn es ist bequemer, Ihr Autokennzeichen einmal in TWINT zu registrieren, den QR-Code auf der Parkuhr zu scannen und dann das bunte Rädchen auf dem Display zu drehen, statt irgendwo im Hosensack nach Kleingeld zu kramen. Nehmen wir jetzt aber auch noch an, dass eine Kamera vor dem Parkhaus Ihr Autokennzeichen erfasst, das in TWINT gespeicherte Kennzeichen abgeglichen, die Schranke entsperrt und dann die Zahlung ausgelöst wird – voilà: Sie brauchen nichts mehr zu machen. Es reicht, das Smartphone im Auto dabeizuhaben. Unfug denken Sie? Nein, gibt’s auch schon. Und es wird sich durchsetzen – weil es nämlich nochmals bequemer ist, als Rädchen im Telefon zu drehen. Die Zahlung ist quasi unsichtbar, weil sie in den Parkiervorgang eingebettet ist.
Die Voraussetzungen für solche eingebetteten (embedded) Zahlungen sind relativ einfach: Sie identifizieren sich zu Beginn eines Einkaufs über ein auf Ihrem Mobilgerät hinterlegtes Erkennungsmerkmal. Sie erfassen die gewünschten Leistungen oder Produkte, beispielsweise durch das Scannen von QR-Codes, bestätigen Ihre Kaufabsicht, zum Beispiel durch ein Nicken, das von Ihrer Brille erkannt wird – und schon erfolgt die Bezahlung, ohne dass Sie zusätzlich noch irgendetwas tun müssten. Die Quittung bekommen Sie übrigens auch auf Ihr Mobilgerät – und am Ende des Jahres erhalten Sie zusätzlich eine Auswertung Ihres persönlichen Bezahlverhaltens, wie neuerdings beim Finanzdienstleister Klarna.
Apropos Brille: Lassen Sie uns jetzt den Blickwinkel ändern und auf diejenigen schauen, die uns diese verschiedenen Arten der Bezahlung anbieten. Wenn man die Postschalter einmal ausser Acht lässt, kommen einem zunächst Banken in den Sinn. Im E-Banking meiner Hausbank kann ich Geld überweisen und Rechnungen bezahlen. Der Zahlvorgang ist dann von meinen Einkäufen zeitlich und räumlich getrennt, also nicht eingebettet – und somit unbequem. «Schatz, ich muss noch die Rechnungen erledigen» trägt selten zur guten Stimmung bei. In der Mobile-Banking-App kann ich den Swiss QR Code von Rechnungen scannen, aber auch dazu muss ich mich zuerst anmelden und vielleicht zusätzliche Informationen eingeben. Für Zahlungen an Ladenkassen oder unterwegs ist Mobile Banking also eher nicht geeignet: zu viele Klicks, zu unbequem.
Anders der QR-Code von TWINT: Er ist inzwischen an Ladenkassen und den meisten anderen Orten präsent, an denen wir im Alltag bezahlen, und auch im E-Commerce kann man sehr bequem damit einkaufen. Diese Zahlungen kommen ohne zusätzliche Zahlungsmittel aus: Ich brauche nur noch ein Smartphone, das in TWINT mit meinem Konto verknüpft ist. Fertig. Man spricht dabei von Konto-zu-Konto-Zahlungen. Gemeint ist die Abwesenheit von zusätzlichen, von Banken herausgegebenen Hilfsmitteln wie zum Beispiel Karten, die den Zugriff auf das Konto ermöglichen. Das macht solche Zahlungen recht bequem – und ja, Sie vermuten richtig: Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass diese in den kommenden Jahren stark wachsen werden.
Schliesslich nehmen Zahlungen mit digitalen Wallets von grossen Technologiefirmen wie Apple, Samsung und Google stark zu. Der Bezahlvorgang mit Wallets ist sehr einfach, erfordert aber (bisher) die Hinterlegung einer Karte. Diese stellt den Zugang zu einem Konto bei der Bank sicher, von dem aus die Zahlung ausgeführt wird. Apple und Co. haben den Vorteil einer sehr grossen Kundenbasis im Massenmarkt, vor allem aber genügend Erfahrung und Ressourcen, um die Kundenerlebnisse gründlich zu optimieren. Das Ziel: maximale Bequemlichkeit.
Zunächst ist es unwahrscheinlich, dass Mobile-Banking-Angebote einzelner Banken den Weg in die Alltagszahlungen, vor allem am POS oder im E-Commerce, finden werden. Schweizer Banken haben im Vergleich zu den Tech-Riesen zu wenige Nutzerinnen und Nutzer, zu wenig Erfahrung und zu wenig Ressourcen, um den Kampf um das beste Kundenerlebnis bestreiten zu können. Umgekehrt ist eher zu vermuten, dass die Rechnungen, die heute noch mit Hilfsmitteln der Banken bezahlt werden (via eBill-Portal oder QR-Scanner), in digitaler Form den Weg zu anderen Zahlungsdienstleistern finden werden. Banken werden sich daher künftig noch mehr auf andere beratungsintensive Themen konzentrieren. Vorderhand führen sie noch die Konten ihrer Kundinnen und Kunden. Allerdings zeichnet sich bereits ab, dass Banking as a Service, also Konten und Bankdienstleistungen, die Banken für Nichtbanken anbieten, auch diese Position infrage stellen wird. In der Folge wird die Bedeutung der Banken im Zahlungsverkehr langfristig deutlich abnehmen.
Wir müssen auch damit rechnen, dass Kartenzahlungen irgendwann zurückgehen werden, denn die Nummern von Mobiltelefonen, E-Mail-Adressen oder auch elektronische IDs können die Verbindung zum Konto genauso gut herstellen und sind auf den mobilen Endgeräten meist schon verfügbar. Das verändert auch die Rolle der Karten-Schemes wie Mastercard und Visa: Bereits heute investieren sie grosse Beträge, um sich in den Märkten für Konto-zu-Konto-Zahlungen und vor allem bei der Nutzung der Zahlungsdaten in neuen Geschäftsfeldern zu positionieren.
Im Moment sieht es beim Zahlen im Alltag also nach einem Kopf-an-Kopf Rennen zwischen TWINT und den Wallets aus. TWINT war bisher sehr erfolgreich darin, den Komfort Schritt für Schritt zu erhöhen: Fünf Millionen regelmässige Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz belegen das. Viel wird in Zukunft offenbar davon abhängen, ob es TWINT schnell genug gelingt, diese Stellung durch Einbettung der Zahlungen in die täglichen Abläufe der Nutzerinnen und Nutzer zu halten oder sogar auszubauen. Die Integration von Rechnungen und ihre Bezahlung würden die Attraktivität für die Bevölkerung nochmals deutlich erhöhen. Es ist nämlich bequemer, alle Zahlvorgänge in einer App zu tätigen.
Das Zünglein an der Waage werden die Banken sein, von denen einige auch Mitbesitzer von TWINT sind. Sie könnten – in Konkurrenz zu TWINT – versuchen, weiter in eigene Lösungen zu investieren. Die Erfolgschancen dafür scheinen gegenwärtig jedoch sehr gering. Alternativ könnten Banken eher auf den Erfolg der Wallets setzen. Sobald es statt der von Banken herausgegebenen Karten allerdings andere Möglichkeiten zur Zahlungsauslösung gibt, wird es den Banken schwerfallen, ihren Platz zu behaupten. Das gilt umso mehr, als Banking as a Service auch ihre Rolle bei der Bereitstellung der Konten bedroht. Rational scheint daher aus heutiger Sicht die Option zu sein, auf TWINT zu setzen und alles Nötige zu tun, um diese Bankentochter zu stärken.
Es lassen sich also Vermutungen anstellen, wie’s mit dem Zahlen im Alltag weitergehen könnte – auch ohne Glaskugel. Allerdings haben wir die wirklich schwierigen Fragen noch gar nicht gestellt: Wie werden wohl Instant Payments oder ein Central Bank Digital Token (CBDC) auf unsere Zahlungen wirken? Ich hoffe, meine Glaskugel ist bald wieder fit.
Focus
KI ist aus dem Bankenalltag nicht mehr wegzudenken. Hochwertige Zahlungsdaten sind entscheidend für massgeschneiderte Erlebnisse und effiziente KI-Anwendungen. Payment Enrichment verbessert die Datenqualität und optimiert wichtige Prozesse.
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Servicebüros sind seit den 1990er Jahren zentrale Akteure im Schweizer Zahlungsverkehr. Sie übermitteln Zahlungsaufträge und stellen die Datenintegrität sicher. Die SNB hat formale Anforderungen veröffentlicht, um Sicherheit und Effizienz zu gewährleisten.
Der Standard PCI DSS 4.0 schützt Kreditkartendaten durch erweiterte Sicherheitsmassnahmen wie Multi-Faktor-Authentifizierung und risikobasierte Ansätze. Diese Massnahmen erhöhen die Sicherheit und Transparenz im Zahlungsverkehr.
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Ein einziges Land betreibt sowohl ein CBDC als auch ein Instant Payments-System, um die finanzielle Inklusion und Effizienz zu erhöhen. Unterschiedliche Standards und Technologien erschweren jedoch die Interoperabilität. Einige Länder erwägen stattdessen Wholesale CBDCs.
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Helge Kraas, PPI AG, spricht über künstliche Intelligenz im Zahlungsverkehr. Im Fokus stehen Betrugserkennung, Instant Payments, E-Rechnungen, Request to Pay, personalisierte Finanzdienstleistungen, Regulierung sowie Finanzkriminalität und nachvollziehbare KI-Entscheidungen.
Urs Bieri vom Meinungsforschungsinstitut gfs.bern erklärt, was zur breiten Akzeptanz von eBill geführt hat. Trotz der hohen Zufriedenheit gebe es demografische Hürden, da ältere Menschen weiterhin Papierrechnungen bevorzugen. Gegenüber Kryptowährungen zeigt er sich skeptisch.
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