Auf eBill gewartet

Autor/-in

Simon Brunner

Veröffentlicht am

6 Juni 2024

Lesezeit

Minuten

Zu Besuch bei Bernhard Bieri, Direktor des Touring Clubs Schweiz

Ortstermin beim Touring Club Schweiz (TCS) in Ostermundigen. Das moderne Gebäude liegt direkt an den Bahngleisen. Wir steigen aus, doch die Unterführung führt nur auf einer Seite aus dem Bahnhof heraus – auf der falschen, versteht sich. Ein witziges Omen für den Besuch beim grössten Mobilitätsclub der Schweiz mit 1,6 Millionen Mitgliedern und 1900 Mitarbeitenden.

Nach einem kleinen Umweg stehen wir vor dem grössten Standort in der Deutschschweiz (der Hauptsitz ist in Vernier bei Genf). Erstes fällt die eMobility-Lounge im Parterre auf. Die Autowelt fristet hier überraschend eine Nebenrolle, die Hauptrolle spielen E-Roller, Lastenvelos und E-Trottinetts. Warum ist das so? Wir wollen es wissen und gehen einen Stock höher. Dort erwartet uns Bernhard Bieri, der Direktor des TCS. Er kommt modern daher: weisse Sneakers, Apple Watch, Kinnbärtchen. Bieri führt uns ein paar Treppen hinauf in die Cafeteria, wo sich eine grandiose Sicht auf die Bilderbuchgipfel des Berner Oberlandes öffnet.

Herr Bieri, den TCS kennt jedes Kind wegen der gelben Pannenfahrzeuge. Doch hier im Shop sind Autoprodukte eher unbedeutend. Woran liegt das?

Erlauben Sie mir zuerst eine Gegenfrage: Was war Ihrer Meinung nach der Zweck des TCS bei seiner Gründung?

Grenzenloses Fahren auf Schweizer Autobahnen?

Erwischt (lacht). Ziel war es, den Velotourismus zu fördern und sicherer zu machen. Die TCS-Gründer haben auf ihren Velotouren einiges erlebt, von fliegenden Mistgabeln und über die Fahrbahn gespannten Drähten ist die Rede. Wir sprechen vom Jahr 1896.

Der TCS steht also für ...

... die Mobilität aller Verkehrsteilnehmer. Das war schon immer so, nur werden wir in erster Linie mit dem Autoverkehr in Verbindung gebracht. Wir sind aber schon immer ein Mobilitätsclub gewesen.

Sie betreiben Campingplätze und eine Drohnen-App, es gibt Ambulanzen, Versicherungen und Kreditkarten. Wie viele verschiedene Produkte haben Sie eigentlich im Angebot?

(lacht) Jetzt haben Sie mich erwischt – ich weiss es nicht. Was ich aber weiss, ist, dass alle unsere Produkte nach den Bedürfnissen unserer Mitglieder entwickelt werden und in der Regel sehr gut ankommen.

Was Bieri auch weiss: Zwei aktuelle Trends führen dazu, dass der Pannendienst und das Thema Auto generell an Relevanz verlieren: Zum einen wollen junge Leute in den Städten nicht mehr unbedingt ein eigenes Fahrzeug besitzen, zum anderen sind die Autos heute weniger schadensanfällig als noch vor 10 oder 20 Jahren. Will der TCS seine Mitgliederzahlen kontinuierlich steigern, braucht es neue Ansätze. Der Club hat sie gefunden: Nummer 1 für E-Cargobike-Sharing weltweit, in der Schweiz für Velomarktplätze, Drohnenschulen, Reiseversicherung oder Campingplätze.

Herr Bieri, wie sehen Sie die Mobilität der Zukunft?

«Ich glaube stark an die kombinierte Mobilität», sagt der langjährige TCS-Direktor. «Man fährt eine erste Strecke mit dem Auto, steigt dann für längere Distanzen auf den ÖV um und umgeht so den Stau. Für die letzten Kilometer schnappt man sich vielleicht ein E-Trottinett oder bestellt ein Uber.»

Wir wenden ein, dass dieses Park-and-Ride-Konzept in der Schweiz nie richtig Fuss gefasst hat. Laut Bieri liegt das daran, dass die Umsteigemöglichkeiten an den Bahnhöfen nicht gut sind oder es zu wenig Parkplätze gibt. «Die Politik will das Auto oft grundsätzlich verbannen», so Bieri, «in ihrem Eifer verhindert sie dann Mischlösungen, die viel sinnvoller wären.» Er selbst komme mit dem Auto ins Büro, «so spare ich 45 Minuten». Und genau das sei das Problem: «Das Auto bietet vielen Menschen einen hohen Nutzen und es wird so bleiben. Sie steigen nur um, wenn die Alternativen ähnlich attraktiv sind.» Bei den neuen Mobilitätslösungen sagt Bieri den «light electric vehicles» eine grosse Zukunft voraus. Das sind kleine, ultraleichte E-Mobile für die urbane Fortbewegung.

Bernhard Bieri war 20 Jahre lang bei der PostFinance tätig und dort für die Einführung des E-Banking verantwortlich. Und er gehörte zum Projektteam, das eBill entwickelte. Man könnte also meinen, er hätte die digitale Rechnung beim TCS, der jährlich ca. vier Millionen Rechnungen verschickt, sofort eingeführt.

Bieri lächelt etwas gezwungen: «Natürlich wollten wir das, aber wir mussten zuerst unsere IT-Systeme anpassen. Und das dauerte länger als geplant.» Seit letztem Herbst können die TCS-Mitglieder nun endlich elektronisch bezahlen – und 210 000 haben es bereits getan. «Das zeigt», so Bieri, «dass die Leute richtiggehend auf eBill gewartet haben.»

Wo sieht er heute die Vor- und Nachteile? Sehr positiv seien die tiefen Kosten (kein Druck, kein Versand) und die hohe Umweltverträglichkeit. Erste Analysen zeigten zudem, dass die Zahl der Mahnungen zurückgeht, weil «man die Rechnung gleich im E-Banking hat», wie Bieri sagt, «und sie so nicht in Vergessenheit gerät.»

Bei den Nachteilen muss er überlegen. Dann fällt ihm ein: «Bei der gedruckten Rechnung konnten wir neben dem Einzahlungsschein auch einen Begleitbrief mitschicken. Bei eBill kann man zwar auch Zusatzinfos mitgeben, aber die werden kaum gelesen.» Ein zweiter Wermutstropfen für den TCS, aber gleichzeitig ein positiver Effekt für seine Kundschaft: Das System sei so eingestellt, dass es automatisch das letztmögliche Zahlungsdatum wählt. «Das ist natürlich gut für die zahlende Partei», so Bieri, «hat aber Auswirkungen auf unseren Cashflow: Wir sind es gewohnt, dass ein Teil der Leute sofort bezahlt.» Unter dem Strich sei die Einführung von eBill aber «ein Segen», so Bieri, «die Vorteile überwiegen klar».
Er ist sich sicher, dass Ende Jahr, wenn die Mietgliederbeiträge fällig werden, noch viele umstellen werden. Dass der TCS eBill eher spät übernommen hat, passt eigentlich nicht zum digitalen Selbstverständnis des Clubs. «Beim Abschluss von Versicherungspolicen im Web sind wir führend.»

Bieri, der passionierter Velofahrer, muss weiter. Zum Abschied sagt er noch: «Und wenn Sie das nächste Mal ein gelbes TCS-Abschleppfahrzeug sehen, denken Sie daran: Wir sind auch der grösste Veloclub der Schweiz!».

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