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Veröffentlicht am
7 Dezember 2022
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Zu Besuch bei Roger Tinner, Geschäftsführer von Swissfundraising
Es sind gute Zeiten für Organisationen, die auf Spenden angewiesen sind: Letztes Jahr wurden über zwei Milliarden Franken gespendet, doppelt so viel wie noch 2003. Unglaubliche 81 Prozent der Schweizer Haushalte geben an, jedes Jahr zu spenden – in Deutschland sind es 40 Prozent.
Mitverantwortlich für diesen Boom ist Swissfundraising. Gut gelaunt öffnet Geschäftsführer Roger Tinner die Tür zu seinem schmucken Altbaubüro beim Bahnhof St. Gallen. Und beginnt mit einer Zahl – nicht die letzte an diesem Nachmittag: «Als ich 2007 die Leitung hier übernahm, zählten wir weniger als 400 Mitglieder, heute sind es 1000.»
Der Verband hat eine Mission. Er soll das Fundraising – neudeutsch für Spendensammlung – professionalisieren. Dafür bietet er Aus- und Weiterbildungen an und organisiert Anlässe. In letzter Zeit interessierten sich die Mitglieder verstärkt für die neuen Zahlungsmöglichkeiten mit QR-Rechnung und eBill Donations. «Beide bieten Hilfswerken Vorteile», so Tinner. «Und beide bringen ein paar Herausforderungen mit sich.»
Spenden mit QR-Rechnung und eBill: sehr einfach
Es sei äusserst positiv, so Tinner, dass der Zahlungsvorgang vereinfacht werde. «Die QR-Rechnung zu scannen oder eine Spendenanfrage in eBill freizugeben, ist sehr einfach. So kann man Spenden viel direkter auslösen als bisher.» eBill Donations bietet zudem den Vorteil, dass Organisationen ihre Spendenanfragen direkt ins E-Banking der Spenderinnen und Spender senden können. «So werden die Menschen im richtigen Moment auf eine Spendenmöglichkeit aufmerksam gemacht – dann, wenn sie Zahlungen erledigen», sagt Roger Tinner.
Schaut man, wer in der Schweiz am meisten spendet, landet man schnell bei der Generation der Babyboomer und damit bei Menschen, die über 55 Jahre alt sind: 85 Prozent von ihnen tun dies jedes Jahr und niemand spendet so hohe Beiträge wie sie. Doch der ältere Teil dieser Generation tätigt Zahlungen immer noch gerne am Postschalter. Das ist natürlich auch mit einer QR-Rechnung möglich, «aber man kann am Postschalter den Spendenzweck nicht wählen». Ein zweites Thema seien Trauerspenden, für die man früher einen leeren Einzahlungsschein verwenden konnte, was mit der QR-Rechnung nicht mehr möglich ist. Roger Tinner ist jedoch zuversichtlich, dass sich auch die ältere Generation an das neue Zahlungsmittel gewöhnen wird und die Vorteile schätzen lernt: «Wir haben enorm in Schulungen investiert und viele Mitgliedorganisationen führten Tests durch. Die sehr wichtige Weihnachtssaison steht vor der Tür, da wollen wir sicher sein, das alles klappt.»
Seit 20 Jahren totgesagt: der Spendenbrief
Die Babyboomer sind Tinners Lieblingsthema. Er selbst zählt mit 61 Jahren auch dazu, obwohl er jünger daherkommt in seinen On-Turnschuhen, den grünen Hosen, dem blauen Hemd – und wenigen grauen Haaren. Über seine eigene Generation sagt er: «Wir sollten sie in den nächsten 20 Jahren so gut wie möglich bewirtschaften – keine Generation hat jemals so viel verdient und so viel geerbt.»
Und wie erreicht man die Boomer am besten? «Die Hälfte der Spenderinnen und Spender geben an, am Ursprung ihrer Gabe stehe ein Spendenbrief», so Tinner. Dieser werde seit 20 Jahren totgesagt, doch mit zunehmender Digitalisierung habe das Ausgedruckte eher noch an Bedeutung gewonnen, denn «es wirkt im Vergleich zu einer E-Mail seriöser und werthaltiger». Im Ausland spiele der Spendenbrief übrigens eine viel kleinere Rolle als hierzulande. Das habe vermutlich auch mit dem vielerorts strengeren Datenschutz zu tun.
NPO-Startup in einem Tag
Doch trotz des Lobs für den traditionellen Spendenbrief ist Tinner alles andere als in der Zeit stehen geblieben. «Mit all den digitalen Hilfsmitteln kann man heutzutage ein NPO-Startup gründen und am Abend schon auf Spendensuche gehen.» Der Anteil digitaler Spenden liegt bei Schweizer Non-Profit-Organisationen insgesamt erst im einstelligen Prozentbereich, verzeichnet seit zwei Jahren aber hohe Zuwachsraten.
Eine moderne NPO sei also gut beraten, digitale Kanäle aufzubauen, um dort jüngere Spenderinnen und Spender für sich zu begeistern. Doch «es droht die Gefahr, sich zu verzetteln», so Tinner. «Denn Kanäle auf Social Media aufzubauen und zu unterhalten, ist enorm aufwendig und man kämpft um Aufmerksamkeit gegen die grössten Brands der Welt.» Tinner rät deshalb, Influencer zu engagieren, die bei der Zielgruppe eine grosse Reichweite und Glaubwürdigkeit haben – das Gleiche würde er übrigens auch kommerziellen Firmen empfehlen.
Sowieso sei «der Unterschied zwischen einer Non-Profit-Organisation und einer kommerziellen Firma kleiner geworden». Einerseits würden Spendenorganisationen immer professioneller geführt, andererseits bedienten sich gewinnorientierte Unternehmen immer öfter auch des Fundraisings: Während Corona hätten sich auch viele Theater, Restaurants oder Fussballclubs beim Verband informiert, wie eine Spendenkampagne funktioniert.
Ein grosses Thema unter den Organisationen seien die Gebühren – wer Spenden einsammelt, will sicher sein, dass möglichst jeder Franken ankommt. «Dabei schneiden TWINT, eBill und QR-Rechnung relativ gut ab», sagt Tinner. Teurer hingegen seien gewisse Kreditkarten und PayPal. «Trotzdem, eine NPO ist gut beraten, mehrere Zahlungsmöglichkeiten anzubieten und den Zahlungsvorgang so einfach wie möglich zu gestalten» – nichts sei schlimmer, als dass jemand den Prozess abbreche, weil der Zahlvorgang zu kompliziert ist.
Am meisten Abzeichen verkauft
Tinner war lange Kommunikationschef der Universität St.Gallen und führte danach diverse Kommunikationsagenturen. Er hat keinen direkten Fundraising-Hintergrund, doch verkaufte schon als Schüler sehr motiviert Abzeichen der Sporthilfe. Sein Mandat bei Swissfundraising entstand auch durch Zufall: Tinners frühere Arbeitgeberin übernahm in den 2000-er Jahren eine Agentur, die die Geschäftsführung von Swissfundraising innehatte. «Als die betreffende Person den Job aufgab», sagt Tinner, «war der Fall klar: Das musste ich tun.»
Und wie spendet er eigentlich selbst? «Wenn ich einem Obdachlosen am Bahnhof 20 Franken gebe», so Roger Tinner selbstkritisch, «habe ich das Gefühl, ich hätte die Welt gerettet.» Sonst spende er, wenn er jemanden persönlich kenne und ihn die Sache überzeuge. Doch wie in den meisten Beziehungen sei seine Frau für das Gros der Spenden zuständig, so Tinner: «Sie ist viel systematischer als ich.»
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