Zu Besuch bei Aletsch Arena

Autor/-in

Simon Brunner

Veröffentlicht am

1 Juni 2023

Lesezeit

Minuten

Zu Besuch bei Mathias Petrig, Leiter Finanzen und HR, Aletsch Arena AG

Die Natur ist wild, die Leute sprechen Kauderwelsch und vor allem ist es weit weg von den Schweizer Metropolen. So ungefähr lassen sich die gängigen Klischees über das Wallis zusammenfassen. Doch zumindest der letzte Punkt stimmt schon lange nicht mehr: Mit dem Zug ist man von Zürich aus in gut zwei Stunden in Brig. Eine Viertelstunde später heisst es «willkommen in der Aletsch Arena».

Aletsch Arena? Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein Teilgebiet des UNESCO-Welterbes Jungfrau-Aletsch. Die Aletsch Arena AG kümmert sich dabei um sämtliche touristische Belange von sechs Walliser Gemeinden, südlich vom Grossen Aletschgletscher.

Das Backoffice ist in einem schmucken Holzhaus in Mörel‑Filet untergebracht. Doch heute wollen wir kein Büro sehen, sondern das «befreiendste Naturerlebnis der Alpen» (Markenpositionierung) geniessen. Zusammen mit Mathias Petrig, Leiter Finanzen und HR der Aletsch Arena, nehmen wir die Luftseilbahn von Betten Talstation auf die Bettmeralp. «So en Gätsch» entfährt es ihm: Er meint den Sulzschnee, der Ende März stiefelhoch am Boden liegt. Zum Glück wartet ein imposantes Schneetaxi mit Raupen auf uns, während es für eine Reisegruppe aus Taiwan weniger gut aussieht: Sie müssen in ihren Turnschuhen durch den «Gätsch» waten. Später treffen wir sie auf dem Gipfel wieder – weder der Fussmarsch noch das garstige Wetter scheint ihrer guten Laune Abbruch zu tun.

Wir sind auf dem Bettmerhorn, 2647 Meter über Meer. Der Aussichtspunkt neben der Bergstation böte einen spektakulären Blick auf den Aletschgletscher, «viel eindrücklicher als vom Jungfraujoch», so Petrig. Google bewertet die Aussicht mit 4,9 von 5 Punkten. Leider erkennt man heute kaum die Hand vor dem Gesicht – eine grosse Ausnahme für die «Sonnenstube der Schweiz», sagt Petrig. Uns bleibt nichts anderes übrig als der Rückzug ins Gipfelrestaurant. Der Tageshit dort: «Cholera». So heisst tatsächlich eine Walliser Käsespezialität.

Mathias Petrig, 45, beginnt zu erzählen. Die Aletsch Arena zähle heute mit einer Million Übernachtungen zu den touristischen Schwergewichten der Schweiz. «Die Digitalisierung ist bei uns eine wichtige strategische Stossrichtung. Seit mehreren Jahren arbeiten wir gemeinsam mit der Aletsch Bahnen AG und weiteren Partnern aus der Destination am nachhaltigen Aufbau der digitalen Transformation», sagt Petrig. Wichtige strategische Meilensteine sind erreicht: das vom Bund unterstützte Projekt (Innotour) für eine durchgängige Gästekommunikation sowie ein neuer Webshop, in dem sich Unterkünfte, Ausflüge und Bergbahntickets buchen lassen und der rund zehn Millionen Franken jährlich generiert. Zudem ein Partnermodel, das kleinere Player unterstützt, einheitliche Rahmenbedingungen schafft und die Servicequalität erhöht. Und zuletzt die Harmonisierung der Kurtaxenreglemente der sechs Destinationsgemeinden. 

«Ein Viertel der Rechnungen für die Tourismustaxe verschicken wir bereits per eBill», sagt Petrig, «Tendenz stark steigend». Der digitalaffine Finanzchef ist der Meinung, dass man heute auch als KMU diesen Fakturierungsprozess anbieten muss, denn «er kommt sowieso». Zudem biete er viele Vorteile: «Er ist billiger als der Postweg, die Zahlungsmoral ist höher und er ist perfekt in unser ERP-System integriert.»

Sobald das Stichwort ERP fällt, beginnt Petrig zu strahlen und lobt die Lösung des Ostschweizer Anbieters Abacus: «Die Software ist modular, wir können sie nach unseren Bedürfnissen zusammenbauen und die Schnittstellen im ERP-System funktionieren einwandfrei». Auch viele Zahlungsmittel deckt das ERP ab: «Bei uns möchten viele Menschen ihr Reka-Geld einlösen», so Mathias Petrig, «das ist problemlos möglich, auch im Webshop». Das beliebteste Zahlungsmittel sei aber längst TWINT. «Es freut mich, dass sich eine Schweizer Lösung durchgesetzt hat.»

Petrig wuchs in Siders auf und arbeitete lange Zeit in Zürich als Auditor bei einer der grossen Buchprüfungsfirmen. Mit der Geburt der zwei Kinder kamen er und seine Frau – auch aus dem Wallis – zurück in den Bergkanton. «Jetzt arbeite ich an einem Ort, an dem andere Ferien machen», lacht er. Petrig ist sehr sportlich, sogar am 21 Kilometer langen Aletsch-Halbmarathon im UNESCO-Welterbe von der Talsohle aus bis auf die Bergkette hat er teilgenommen (und die 700 Höhenmeter in rund 2,5 Stunden geschafft).

Wie in vielen Berggebieten ist auch bei der Aletsch Arena AG die Ganzjahresstrategie ein grosses Thema: Was kann man den Gästen neben dem Erlebnis im Schnee bieten? In der Gondel zurück auf die Bettmeralp zeigt Petrig aus dem Fenster blickend, was das konkret bedeutet: «Biken ist das neue Skifahren», meint er. So gibt es über 100 Kilometer Mountainbike-Routen, spezifische Pump- und Flowtrails, Ladestationen für E-Bikes und weitere Angebote für jeden Biker-Geschmack. Daneben gibt es Wanderwege, einen Golfplatz, man kann Gleitschirm fliegen, Yoga machen auf einem Stand-up-Paddle und vieles mehr. Und bei fast allen Aktivitäten ist etwas für Kinder dabei. Selbstkritisch ergänzt Petrig: «Wir müssen unser Zielpublikum noch gezielter ansprechen. Wir haben dazu eine neue Marketingstrategie erarbeitet und wollen in der Zwischensaison mehr Gäste zu uns locken.»

30 Mitarbeitende beschäftigt die Aletsch Arena AG, drei Stellen sind derzeit offen. «Mit 10 % Vakanzen stehen wir noch gut da», sagt Petrig, der neben den Finanzen auch die Personalabteilung leitet: «Im Oberwallis gibt es derzeit praktisch Vollbeschäftigung, die Arbeitslosenquote liegt bei gerade mal 0,8 %». Das hat viel mit Lonza zu tun, dem boomenden Hersteller von Pharmawirkstoffen. Oder, wie es der Blick ausdrückt: «Das Wallis wird zur Apotheke für die ganze Welt.» Sosehr die Region vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert, sosehr fehlen die Arbeitskräfte: «Offene Stellen zu besetzen ist derzeit unglaublich schwer», meint Petrig.

Wir haben fertig gegessen, nehmen die Bahn zurück nach Betten Talstation und steigen in den Zug nach Zürich. Ankunft: 17.14 Uhr. Ein Tag im Wallis mit Mittagessen im Gipfelrestaurant? Kein Problem.

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