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Veröffentlicht am
8 März 2024
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Privates Tokengeld spielt zwar schon heute eine gewisse Rolle als Anlage- und Spekulationsobjekt sowie als Tauschmittel in einem engen Nutzerkreis. Es dient aber nicht als breit genutztes Zahlungsmittel. Gerade in dieser Funktion könnte es in einer immer stärker digitalisierten Welt einen grossen Mehrwert schaffen. Die Wirtschaft fordert programmierbare, blockchainbasierte Währungen für Zahlungen. So erstaunt es nicht, dass sich die meisten Zentralbanken mit digitalen Formen von Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency, CBDC) beschäftigen. Gleichzeitig ergreifen private Emittenten von Stablecoins verstärkt Massnahmen, damit ihr Zahlungsmittel breiter akzeptiert und verwendet werden kann.
Es sind nicht die Bürgerinnen und Bürger, die bessere Zahlungsmittel wünschen, oder Metaverse-Marktplätze mit ihren hochfliegenden Zukunftsvisionen, die die Entwicklung moderner Zahlungsmittel vorantreiben. Vielmehr ist es die traditionelle Wirtschaft mit den alltäglichen Herausforderungen, die Innovationen braucht. Dabei geht es einerseits um die Steigerung der Effizienz und andererseits um die Erschliessung neuer Geschäftsmodelle. Auf staatlicher Seite steht die Sicherung der Souveränität im Wettbewerb der Währungsräume im Vordergrund.
Parallelen zur traditionellen Welt finden sich nicht nur bei den Innovationstreibern, sondern auch bei den verschiedenen Formen von Tokengeld. Diese sind so vielfältig wie das heutige Angebot an Zahlungsmitteln. Die tokenisierten Pendants zu Bargeld, Einlagen und privaten Währungen sind Retail-CBDC (rCBDC), tokenisierte Einlagen und Stablecoins. Mit dem Buchgeld stellen Geschäftsbanken ihrer Kundschaft seit langer Zeit ein Instrument der Geld- und damit der Wertschöpfung zur Verfügung. Dieses soll nun auf einer innovativen technologischen Basis neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen.
Es ist heute noch unklar, welche digitalen Zahlungsmittel für das breite Publikum sich in Zukunft durchsetzen werden. Dies hängt nicht nur vom Mehrwert ab, den sie für die angestrebten Anwendungsfälle bieten, oder von der spezifischen Situation eines Landes oder Währungsraums. Auch die Risiken, die mit der Einführung von Tokengeld als Zahlungsmittel verbunden sind, beeinflussen die Entwicklung. Stabilitäts- und Resilienzüberlegungen stehen hier im Vordergrund. Die Verwendung von Tokengeld darf die hohe Stabilität des heutigen Finanzsystems nicht gefährden. Zudem ist es von zentraler Bedeutung, seine Wertstabilität zu gewährleisten, wenn es breit als Zahlungsmittel eingesetzt werden soll. Das Scheitern des Stablecoin-Projekts Libra von Facebook hat deutlich gemacht, dass es hohe regulatorische Anforderungen an frei zugängliche digitale Zahlungsmittel geben muss. In wenigen Ländern ist die politische Meinungsbildung zum Thema Tokengeld so weit fortgeschritten wie in der Schweiz. Hier haben der Bundesrat und die Schweizerische Nationalbank (SNB) schon früh ihre Ablehnung gegenüber einer rCBDC signalisiert.
Anbieter von Stablecoins stehen vor zwei grossen Herausforderungen. Sie müssen einerseits in einem engen regulatorischen Korsett profitabel arbeiten können. Andererseits müssen sie die Stabilität auch in schwierigen Marktsituationen gewährleisten. Sonst schwindet das Vertrauen. Ein Beispiel dafür ist der vorübergehende Einbruch des Stablecoins USDC gegenüber dem Dollar. Auslöser war der Zusammenbruch der Silicon Valley Bank, bei der USDC-Reserven in Milliardenhöhe hinterlegt waren.
Dieses und andere Beispiele verstärken die Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber Stablecoins und deuten darauf hin, dass – wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch – nur ein kleiner Teil der Projekte erfolgreich sein dürfte. Selbst die Herausgabe eines funktionierenden Geldtokens ist noch keine Garantie für dessen breite Verwendung. Der Ökonom Hyman Minsky hat schon vor langer Zeit treffend festgestellt: «Everyone can create money, the problem is to get it accepted.»
Wie die Zahlungsverkehrslandschaft in zehn Jahren weltweit aussehen wird, ist daher ungewiss. Vermutlich werden wir ein Nebeneinander verschiedener Geldformen sehen, die jeweils ihre spezifischen Vorteile für bestimmte Anwendungsfälle haben. Moody’s Investors Service wagt einen Blick in die Zukunft und prognostiziert, dass tokenisierte Bankeinlagen und CBDCs besser positioniert sind als Stablecoins, um sich als weit verbreitetes Zahlungsmittel durchzusetzen.
Der tokenisierte Franken soll kleinste Stückelungen, sogenannte Nano-Payments, ermöglichen.
Die Ausgestaltung von tokenisiertem Geld ist vielschichtig: Sie kann sich auf die Stabilität des Geldes, des Zahlungsverkehrs, die Marktstruktur und den Kundenschutz auswirken.
Die konkrete Ausgestaltung von tokenisiertem Geld sollte sich nicht nur aus dem Mehrwert ableiten, den es für potenzielle Anwendungsfälle bietet. Sie wirkt sich auch auf die Integrität und die Stabilität des Geldes und des Zahlungsverkehrs, die Marktstruktur und den Kundenschutz aus. Daher betrifft die Einführung von Tokengeld für das breite Publikum die gesamte Gesellschaft. Agustín Carstens von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich fordert daher, dass die Zentralbanken mit anderen öffentlichen Institutionen und privaten Akteuren zusammenarbeiten. Sie sollen gemeinsam die Vision eines gesellschaftlich orientierten Zahlungssystems verwirklichen.
Es ist nicht überraschend, dass bei den allein von Behörden vorangetriebenen rCBDC-Projekten politische und gesellschaftliche Ziele im Vordergrund stehen. Beim digitalen Euro, der nach einer zweijährigen Vorbereitungsphase bereits Ende 2025 eingeführt werden könnte, geht es um die strategische Autonomie Europas im Zahlungsverkehr. Es geht auch darum, die Abhängigkeit von teuren ausländischen Kreditkartenanbietern zu verringern und die geldpolitische Gestaltungsmacht bei einem weiteren Rückgang des Bargeldumlaufs zu erhalten. Im Gegensatz dazu zielen bereits aktive CBDC-Regimes in Entwicklungsländern wie Nigeria darauf ab, der breiten Bevölkerung einen Zugang zum Finanzsystem zu ermöglichen. Sie sollen auch den gelegentlichen Mangel an physischen Banknoten überbrücken.
Die Schweiz strebt an, sich mit ihrem erfolgreichen Wirtschafts- und Finanzplatz, ihren weltweit führenden technischen Hochschulen und ihrem hohen Innovationsgrad auch in einer digitalisierten Realwirtschaft strategisch zu positionieren. Dafür benötigt sie eine zukunftsfähige Zahlungsinfrastruktur. TWINT ist heute eine Erfolgsgeschichte und das Instant-Zahlungssystem steht kurz vor der Markteinführung. Auch von einem tokenisierten Schweizer Franken ist bereits die Rede. Ein solches öffentliches Gut ist für die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzsektors und die strategische Positionierung in einer zunehmend digitalen Wirtschaft von zentraler Bedeutung.
Untätigkeit ist keine Option. Das Fehlen eines für das breite Publikum programmierbaren Frankens birgt grosse Risiken im globalen Standortwettbewerb. Ohne ihn könnte die Digitalisierung der Wirtschaft langsamer voranschreiten und die Interoperabilität mit digitalen Märkten im Ausland würde zur Herausforderung werden. Die Anpassung herkömmlicher Systeme an die hohen Anforderungen der globalen Digitalwirtschaft wäre sehr aufwendig. Eine mögliche Konsequenz könnte der Rückgriff auf ausländisches Tokengeld sein. Die damit verbundenen Risiken für das Finanzsystem, die Standortattraktivität und die Souveränität der Schweiz sind heute noch nicht vollständig abschätzbar. Auch wenn es im Zusammenhang mit Tokengeld noch viele offene Fragen und Unwägbarkeiten gibt, erscheint die Schlussfolgerung, der Status quo sei die risikoärmste Variante, voreilig und kurzsichtig.
Seit letztem Sommer loten die Banken in der Schweiz gemeinsam die Möglichkeiten eines digitalen Frankens aus. Dieser soll einen transformativen Schritt für die Zukunft des Bankings in der Schweiz darstellen. Unter der Koordination der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) hat eine Gruppe von Banken das Projekt lanciert, einen digitalen Franken auf der Basis von tokenisiertem Buchgeld einzuführen. Dieses soll den Charakter eines öffentlichen Gutes haben und eine solide Grundlage für neue und innovative Dienstleistungen in der Schweiz legen.
Dieses Tokengeld könnte sich bei der Abwicklung von Finanztransaktionen als wichtiger Innovationsschritt erweisen. Es verspricht insbesondere bei komplexen Zahlungsvorgängen hohe Effizienzgewinne. Zudem ermöglicht das Prinzip «Lieferung gegen Zahlung» (engl. Delivery versus Payment, kurz DvP) eine simultane Abwicklung. Damit lassen sich Abwicklungs- und Gegenparteirisiken weitgehend ausschliessen.
Privates Tokengeld, aber auch ein echtes digitales Zentralbankgeld (die sogenannte wholesale CBDC) der SNB existieren – zumindest im Pilotbetrieb – in der Schweiz bereits heute. Damit können die Banken auf der Plattform der SIX Digital Exchange (SDX) digitale Anleihen abwickeln. Der wesentliche Unterschied zwischen den bereits existierenden Tokengeldern und dem Projekt der SBVg ist die grundsätzliche Verfügbarkeit für das breite Publikum und die Nutzbarkeit für beliebig viele Anwendungsfälle.
Die möglichen Anwendungsfälle des tokenisierten Frankens sollen dereinst über reine Finanzanwendungen hinaus bis in die Realwirtschaft reichen. Die DvP-Funktionalität zusammen mit der Möglichkeit kleinster Stückelungen öffnet beispielsweise das Feld für sogenannte Nano-Payments. Diese sind für «Pay-per-Use»-Geschäftsmodelle von grosser Bedeutung. Transaktionen in einem CHF-DLT-Finanz-Ökosystem und maschinell ausgeführte Transaktionen erfordern ebenfalls eine medienbruchfreie Integration des Zahlungsmittels.
Die bisherigen Arbeiten der SBVg haben gezeigt, dass die technischen Herausforderungen von Tokengeld insgesamt beherrschbar sind. Entscheidend für den Erfolg ist vor allem auch die Fähigkeit, einen robusten rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen zu schaffen. Dieser muss es jeder Teilnehmerbank ermöglichen, Buchgeld zu tokenisieren und gleichzeitig alle relevanten regulatorischen Vorschriften einzuhalten. Als nächster Schritt ist eine Machbarkeitsstudie geplant. Diese erfordert, ganz im Sinne von Carstens, eine enge Zusammenarbeit zwischen den Behörden und dem Finanzsektor. Nur so wird die Schweizer Wirtschaft über ein innovatives Zahlungsmittel verfügen, das analog zu herkömmlichem Geld die erforderliche Verlässlichkeit gewährleistet und eine hinreichend breite Legitimation geniesst.
Die Zukunft könnte einen bunten Strauss an digitalen Zahlungsmitteln für das breite Publikum bereithalten.
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