«Ein Finanzsystem, in dem man seine Assets nicht selbst verwahren oder übertragen kann, ist nicht ideal»

Autor/-in

Gabriel Juri

Veröffentlicht am

5 September 2024

Lesezeit

Minuten

Talk mit Prof. Dr. Fabian Schär, Professor for DLT (Blockchain) and Fintech und Managing Director Center for Innovative Finance an der Universität Basel

Open Banking findet in Fachkreisen viel Beachtung. Wie praktikabel ist es für Privatpersonen?

Open Banking bzw. Open Finance ist vorwiegend ein Standardisierungs- und Schnittstellenthema. Für die Endnutzerin oder den Endnutzer ist es daher in der Regel uninteressant. Die Implikationen sind jedoch hochspannend und relevant, da eine konsequente Open-Finance-Architektur die Transparenz fördern, Eintrittsbarrieren senken und den Wettbewerb stärken kann. So könnten Kundinnen und Kunden dank offener Schnittstellen viel einfacher eine aggregierte Vermögenssicht erhalten oder Services verschiedener Anbieter kombinieren. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Open Banking und integrierte Dienstleistungen würden zusammen den Finanzsektor revolutionieren, heisst es. Wie weit sind wir davon entfernt?

Schnittstellen und Standards sind hochkomplex. Vor allem bei Systemen, die über Jahrzehnte getrennt entwickelt und weitgehend isoliert betrieben wurden. Das sind schwierige Themen – sowohl aus technischer als auch aus Businesssicht. Hinzu kommt, dass bei einer reinen Schnittstellenlösung die Kombinations- und Integrationsmöglichkeiten begrenzt sind. Sind beispielsweise mehrere Datenbanken involviert, kann eine wirklich atomare Abwicklung von datenbankübergreifenden Transaktionen, wie sie bei einer öffentlichen Blockchain möglich ist, nicht gewährleistet werden.

Decentralized Finance (DeFi) sei die konsequente Weiterentwicklung von Open Finance, haben Sie mal geschrieben. Letzteres bringt aber eher zentralisierte Services hervor. Ein Widerspruch?

Anders als der Name vermuten lässt, sind viele DeFi-Anwendungen zentralisiert. In einem kürzlich im Journal of Financial Regulation erschienenen Paper gehe ich zusammen mit Katrin Schuler und Ann Sofie Cloots auf diese Abhängigkeiten ein. Mit DeFi meine ich weniger die (De-)Zentralisierung der einzelnen Protokolle oder Services, sondern vielmehr die Idee einer neutralen Plattform, die die Verknüpfung («Composability») und den reibungslosen Wechsel zwischen den verschiedensten Anwendungen ermöglicht. Hinzu kommt, dass viele Geschäftsbanken grosses Interesse an der Blockchain-
Finanzwelt zeigen und sich teilweise auch mit öffentlichen Blockchains beschäftigen.

DeFi ermöglicht eine direkte Interaktion ohne zwischengeschaltete Institute. Dies ist vorteilhaft in Ländern mit schwachem Bankensektor. Wo aber liegt das grosse Potenzial in der Schweiz, wo fast alle ein Bankkonto haben?

DeFi bietet Optionen. Wo Bankdienstleistungen nicht verfügbar oder zu teuer sind, bietet DeFi die Möglichkeit, die Assets selbst zu verwahren und direkt mit den auf Smart Contracts basierenden Finanzprotokollen zu interagieren – mit allen Vor- und Nachteilen. In der Praxis werden dies nur wenige in dieser extremen Form tun wollen. Dennoch bietet die Architektur grosse Vorteile, da die Optionen einen gewissen Innovationsdruck und Wettbewerb auslösen. Ein Finanzsystem, in dem man seine Assets nicht selbst verwahren oder übertragen kann, ist meines Erachtens nicht ideal.

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