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Veröffentlicht am
5 September 2024
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Die schleppenden Fortschritte bei der Umsetzung ehrgeiziger Datenschutzgesetze verdeutlichen jedoch deren Komplexität. Die meisten Branchen sind dazu erst gar nicht in der Lage, weil ihnen das Know-how, die nötigen technologischen Fähigkeiten oder grundsätzlich das wirtschaftliche Interesse fehlen. Wirklich davon betroffen sind bisher vor allem Technologiekonzerne und onlineaffine Unternehmen, die so weit fortgeschritten sind, dass sie in ihrer Datennutzung teilweise streng reguliert werden mussten. Mit Open Banking arbeitet aber gerade auch die oft als verstaubt wahrgenommene Finanzbranche an den Grundlagen für einen offenen, sicheren und kundengetriebenen Datenaustausch. Und zwar nicht nur zwischen Finanzdienstleistern, sondern über die Branchengrenzen hinweg. Dies geschieht auch in der Schweiz, bisher allerdings für die breite Öffentlichkeit eher im Verborgenen. Das könnte sich mit der Lancierung erster Multibanking-Angebote für die Privatkundschaft 2025 jedoch bald ändern.
Doch der Reihe nach. Open Banking verfolgt ähnliche Ziele wie die Cookie-Banner, nur eben für Finanzdienstleistungen. Bankkundinnen und -kunden können ihre Bankdaten auf Wunsch an Drittanbieter wie Fintechs weitergeben, um ihre alternativen Produkte und Services zu nutzen. Der offene Datenaustausch zwischen Banken und Dritten soll nicht nur die Kontrolle und die Transparenz über die eigenen Finanzen stärken, sondern auch die Innovation und den Wettbewerb im Finanzsektor fördern.
Um diese Marktentwicklung zu beschleunigen, hat inzwischen eine globale Mehrheit wichtiger Industrie- und Entwicklungsländer empfehlende oder verbindliche Richtlinien eingeführt oder ist dabei, diese weiterzuentwickeln. Letzteres bedeutet insbesondere, dass der Datenumfang von Zahlungskonten auf nahezu alle Finanzbereiche ausgeweitet wird und somit neben Banken auch andere Finanzinstitute wie Versicherungen, Investmentgesellschaften, Pensionskassen oder Fintechs selbst beteiligt sind. Wir sprechen dann nicht mehr von Open Banking, sondern von Open Finance. Prominente Regulierungsbeispiele finden sich in der EU, in Grossbritannien und neuerdings auch in den USA. Letztere setzten bis vor Kurzem auf einen marktgetriebenen Ansatz, bei dem der Finanzsektor Open Finance selbstständig umsetzen sollte.
Auch in der Schweiz gelten strenge Datenschutzvorschriften. Das schweizerische Bundesgesetz über den Datenschutz und die ergänzende Datenschutzverordnung, die sich stark an die europäische DSGVO anlehnen, enthalten klare Pflichten für datenspeichernde und verarbeitende Unternehmen. Open Finance ist noch nicht gesetzlich verankert, befindet sich aber durchaus auf dem Radar des Bundesrats.
In seinem Bericht «Digital Finance: Handlungsfelder 2022+» von Ende 2022 postuliert er Open Finance als zentrales Element für die Digitalisierung des Finanzplatzes Schweiz, zusammen mit Themen wie künstlicher Intelligenz und DLT. Während die USA mittlerweile auf den regulatorischen Zug aufgesprungen sind, verfolgt die Schweiz also weiterhin einen branchengetriebenen Ansatz. Sie ist gut positioniert, und es zeichnen sich – wenn auch langsam – vielversprechende Entwicklungen ab. Diese Einschätzung teilte im Juni auch der Bundesrat in seiner jüngsten Medienmitteilung zum Thema Open Finance, in der er die aktuellen Fortschritte in der Branche als «vorerst ausreichend» bezeichnete.
Open Banking ist keine völlig neue Idee. Die Absicht dahinter auch nicht. Längst schliessen sich Banken mit ausgewählten Fintechs oder anderen Banken zusammen, um ihrer Kundschaft entscheidende Mehrwertservices anzubieten. Die Innovation liegt in der Standardisierung dieser Angebote und ihrer beispiellosen Skalierung im Markt. Dies wiederum erleichtert den Zugang für eine viel breitere Zielgruppe, die von diesen Services profitieren kann.
Der Schweizer Finanzsektor hat bei der Umsetzung von Open Banking dank starker Kooperation einen hohen Standardisierungsgrad erreicht. Swiss Fintech Innovations, ein zentrales Branchenorgan, arbeitet zusammen mit Banken, Fintechs und Infrastrukturanbietern daran, die notwendigen Schnittstellenstandards zu definieren – also Regeln und Spezifikationen, die einheitlich festlegen, welche Daten mit wem und in welchem Format über eine technische Schnittstelle auszutauschen sind. Derzeit sind solche Standards für den Zahlungsverkehr und die Vermögensverwaltung definiert. Einheitliche und sichere API-Plattformen wie bLink von SIX ermöglichen es, diese Standards effizient und skalierbar bei Banken und Fintechs umzusetzen, die sich an die Plattformen anschliessen. Anbieter und Betreiber von Kernbankensystemen wie Swisscom, Avaloq, Finnova, Inventx oder ti&m haben sich in Zusammenarbeit mit API-Plattformen auf die Integration und das operative Management von APIs bei Banken spezialisiert.
In den letzten Jahren ist daraus ein wachsendes Ökosystem entstanden, das neue Open-Banking-Angebote in der Schweiz gemeinsam vorantreibt.
Trotz Fortschritten ist eine kritische Betrachtung angebracht. Bisher konzentrieren sich die Schweizer Angebote vor allem auf Firmenkunden, genau genommen auf Schweizer KMU. Diese profitieren vor allem im Rechnungswesen davon, indem sich Bankguthaben und Transaktionsbewegungen von mehreren Bankkonten in Echtzeit in einer Buchhaltungslösung wie bexio, Klara oder Abaninja anzeigen lassen. Darüber hinaus können die KMU ihre Zahlungen direkt aus einer solchen Drittlösung in das Onlinebanking ihrer Hausbank übertragen. Die ePost-App bietet diese Möglichkeit bereits heute an – auch für Privatpersonen.
Ähnlich sieht es in der Vermögensverwaltung aus. Hier können unabhängige Vermögensverwalter über standardisierte Schnittstellen Positions- und Transaktionsdaten von Depotbanken in ihr Portfoliomanagementsystem integrieren und umgekehrt Börsenaufträge direkt an die Depotbanken ihrer Kundschaft übermitteln.
Dazu müssen KMU in einem ersten Schritt ihre Bankkonten mit der gewünschten Softwarelösung oder App verknüpfen. Die Einrichtung mit modernen Open-Banking-Lösungen dauert nur wenige Sekunden bis Minuten und funktioniert vollständig über branchenübliche Standards für die Online-Autorisierung wie OAuth 2.0 und Sicherheitsmethoden zur Identitätsprüfung wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung.
Die Schweizer Bevölkerung hat derzeit keine solche Datensouveränität. Bewegung verspricht nun jedoch eine laufende Bankeninitiative, die erstmals sogenannte Multibanking-Angebote für Privatpersonen lancieren will. Über 40 Schweizer Banken haben unter der Federführung der Schweizerischen Bankiervereinigung eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet. Die ersten Angebote sollen 2025 auf den Markt kommen. Damit könnten Schweizer Bürgerinnen und Bürger ihre Finanzdaten erstmals einfach und vollständig digital mit Dritten teilen. Der Austausch von Privatkundendaten erfolgt dabei nicht nur unter Banken, wie es der Begriff «Multibanking» suggeriert, sondern auch mit Nichtbanken wie Fintechs. Erst dann wäre die Multibanking-Initiative «wirksam umgesetzt», wie es der Bundesrat in seiner Medienmitteilung ausdrückt.
In einem ersten Schritt betrifft die Initiative Privatkonten, die bereits heute vielfältige Anwendungsmöglichkeiten bieten. Indem Bankkonten zusammengeführt werden, könnten Apps von Banken oder Drittanbietern ein umfassendes Finanzmanagement ermöglichen, einschliesslich der Berechnung von Sparquoten oder eines ausgabenbasierten Nachhaltigkeitstrackings. Dritte könnten auf der Grundlage bestehender Kontodaten effiziente Identitätsprüfungen durchführen, was das Onboarding von Neukundinnen und -kunden erheblich erleichtern würde. Durch die Abfrage von Guthaben- und Transaktionsdaten liesse sich die Kreditwürdigkeit von Personen schnell und einfach ermitteln. Letzteres wird vor allem im Zusammenhang mit Kleinkrediten oder der stark wachsenden Zahlungsmethode «Jetzt kaufen, später bezahlen» im Onlinehandel relevant. All diese Angebote werden um uns herum, zum Beispiel in der EU oder in Grossbritannien, bereits intensiv genutzt.
Ein grundlegendes Problem in der traditionellen Finanzwelt ist der Mangel an Kompatibilität. Finanzdienstleistungen und Finanzdienstleistungsanbieter
sind in isolierten Silos voneinander getrennt und können sich nur begrenzt miteinander verbinden, um neue Services zu schaffen. Das hemmt Innovation. Die Multibanking-Initiative ermöglicht durch den Aufbau einer API-Infrastruktur, an der sich die Mehrheit der Schweizer Banken beteiligt, eine bisher unerreichte Interoperabilität. Im Ausland zeigt sich, dass Finanzinstitute auf dieser technologischen und strategischen Grundlage beginnen, ihre Daten, Produkte und Services nicht nur untereinander auszutauschen, sondern auch in die Wertschöpfungskette von Unternehmen anderer Branchen zu integrieren, um nahtlose Kundenerlebnisse und finanzielle Inklusion zu ermöglichen.
Der Schweizer Bundesrat betont in seiner Medienmitteilung, dass das Multibanking-Modell ein interessanter Ansatz sei, um über standardisierte Schnittstellen weitere Datenquellen zu öffnen, etwa im Vorsorge- oder Versicherungsbereich. Spätestens dann hätten wir in der Schweiz tatsächlich eine hohe Datensouveränität, zumindest was unsere Finanzen angeht. Gelingt diese Entwicklung, hat der Finanzsektor das Potenzial, entscheidende Weichen für eine offene, standardisierte und sichere Schweizer Datenlandschaft zu stellen und als Vorbild für andere Branchen wie das Gesundheitswesen, die Telekommunikation oder den Energie- und Wohnungsmarkt zu dienen. Dann bewegen wir uns nicht mehr nur im Rahmen von Open Banking oder Open Finance, sondern in Richtung Open Data. Eine Welt, in der wir die volle Kontrolle und Transparenz über all unsere Daten haben und sie bewusst und zweckmässig in unserem privaten und geschäftlichen Alltag einsetzen können.
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