Finanzplatz Schweiz: Wegbereiter zu mehr Datensouveränität

Aerial view of a dam, symbolizing the two sides of the CSDR coin: data quality for cash penalty calculation and reconciliation for settlement reporting, highlighted in the "Two Sides of the CSDR Coin" webinar.

Autor/-in

Fabio Tobler Sven Siat

Veröffentlicht am

5 September 2024

Lesezeit

Minuten

Spätestens seit der Einführung von Cookie-Bannern im Internet ist die Sensibilität im Umgang mit personenbezogenen Daten bei Unternehmen und Privatpersonen stark gestiegen. In vielen Ländern, insbesondere in der Europäischen Union mit der Daten­schutz-Grundverordnung (DSGVO), wird betont, dass personenbezogene Daten den betroffenen Personen gehören. Diese Kontrolle über die eigenen Daten bedeutet, dass Einzelpersonen Rechte in Bezug auf ihre eigenen Daten haben, einschliesslich des Rechts auf Zugang, Berichtigung, Löschung und Übertragbarkeit ihrer Daten. In einer idealen Welt hätten wir also die volle Kontrolle und Transparenz über alle unsere Daten und könnten sie in unserem privaten und geschäftlichen Alltag bewusst und zweckmässig nutzen.

Die schleppenden Fortschritte bei der Umsetzung ehrgeiziger Datenschutzgesetze verdeutlichen jedoch deren Komplexität. Die meisten Branchen sind dazu erst gar nicht in der Lage, weil ihnen das Know-how, die nötigen technologischen Fähigkeiten oder grundsätzlich das wirtschaftliche Interesse fehlen. Wirklich davon betroffen sind bisher vor allem Technologiekonzerne und onlineaffine Unternehmen, die so weit fortgeschritten sind, dass sie in ihrer Datennutzung teilweise streng reguliert werden mussten. Mit Open Banking arbeitet aber gerade auch die oft als verstaubt wahrgenommene Finanzbranche an den Grundlagen für einen offenen, sicheren und kundengetriebenen Datenaustausch. Und zwar nicht nur zwischen Finanzdienstleistern, sondern über die Branchengrenzen hinweg. Dies geschieht auch in der Schweiz, bisher allerdings für die breite Öffentlichkeit eher im Verborgenen. Das könnte sich mit der Lancierung erster Multibanking-Angebote für die Privatkundschaft 2025 jedoch bald ändern.

Open Banking international

Doch der Reihe nach. Open Banking verfolgt ähnliche Ziele wie die Cookie-Banner, nur eben für Finanzdienstleistungen. Bankkundinnen und -kunden können ihre Bankdaten auf Wunsch an Drittanbieter wie Fintechs weitergeben, um ihre alternativen Produkte und Services zu nutzen. Der offene Datenaustausch zwischen Banken und Dritten soll nicht nur die Kontrolle und die Transparenz über die eigenen Finanzen stärken, sondern auch die Innovation und den Wettbewerb im Finanzsektor fördern.

Um diese Marktentwicklung zu beschleunigen, hat inzwischen eine globale Mehrheit wichtiger Industrie- und Entwicklungsländer empfehlende oder verbindliche Richtlinien eingeführt oder ist dabei, diese weiterzuentwickeln. Letzteres bedeutet insbesondere, dass der Datenumfang von Zahlungskonten auf nahezu alle Finanzbereiche ausgeweitet wird und somit neben Banken auch andere Finanzinstitute wie Versicherungen, Investmentgesellschaften, Pensionskassen oder Fintechs selbst beteiligt sind. Wir sprechen dann nicht mehr von Open Banking, sondern von Open Finance. Prominente Regulierungsbeispiele finden sich in der EU, in Grossbritannien und neuerdings auch in den USA. Letztere setzten bis vor Kurzem auf einen marktgetriebenen Ansatz, bei dem der Finanzsektor Open Finance selbstständig umsetzen sollte.

Wo steht die Schweiz?

Auch in der Schweiz gelten strenge Datenschutzvorschriften. Das schweizerische Bundesgesetz über den Datenschutz und die ergänzende Datenschutzverordnung, die sich stark an die europäische DSGVO anlehnen, enthalten klare Pflichten für datenspeichernde und verarbeitende Unternehmen. Open Finance ist noch nicht gesetzlich verankert, befindet sich aber durchaus auf dem Radar des Bundesrats.

In seinem Bericht «Digital Finance: Handlungsfelder 2022+» von Ende 2022 postuliert er Open Finance als zentrales Element für die Digitalisierung des
Finanzplatzes Schweiz, zusammen mit Themen wie künstlicher Intelligenz und DLT. Während die USA mittlerweile auf den regulatorischen Zug aufgesprungen sind, verfolgt die Schweiz also weiterhin einen branchengetriebenen Ansatz. Sie ist gut positioniert, und es zeichnen sich – wenn auch langsam – vielversprechende Entwicklungen ab. Diese Einschätzung teilte im Juni auch der Bundesrat in seiner jüngsten Medienmitteilung zum Thema Open Finance, in der er die aktuellen Fortschritte in der Branche als «vorerst ausreichend» bezeichnete.

Erfolg dank Standardisierung

Open Banking ist keine völlig neue Idee. Die Absicht dahinter auch nicht. Längst schliessen sich Banken mit ausgewählten Fintechs oder anderen Banken zusammen, um ihrer Kundschaft entscheidende Mehrwertservices anzubieten. Die Innovation liegt in der Standardisierung dieser Angebote und ihrer beispiellosen Skalierung im Markt. Dies wiederum erleichtert den Zugang für eine viel breitere Zielgruppe, die von diesen Services profitieren kann.

Der Schweizer Finanzsektor hat bei der Umsetzung von Open Banking dank starker Kooperation einen hohen Standardisierungsgrad erreicht. Swiss Fintech Innovations, ein zentrales Branchenorgan, arbeitet zusammen mit Banken, Fintechs und Infrastrukturanbietern daran, die notwendigen Schnittstellenstandards zu definieren – also Regeln und Spezifikationen, die einheitlich festlegen, welche Daten mit wem und in welchem Format über eine technische Schnittstelle auszutauschen sind. Derzeit sind solche Standards für den Zahlungsverkehr und die Vermögensverwaltung definiert. Einheitliche und sichere API-Plattformen wie bLink von SIX ermöglichen es, diese Standards effizient und skalierbar bei Banken und Fintechs umzusetzen, die sich an die Plattformen anschliessen. Anbieter und Betreiber von Kernbankensystemen wie Swisscom, Avaloq, Finnova, Inventx oder ti&m haben sich in Zusammenarbeit mit API-Plattformen auf die Integration und das operative Management von APIs bei Banken spezialisiert.

In den letzten Jahren ist daraus ein wachsendes Ökosystem entstanden, das neue Open-Banking-Angebote in der Schweiz gemeinsam vorantreibt.

Multibanking erhöht die Datensouveränität bei Privatkonten, Bank-Apps und Drittanbieter ermöglichen ein umfassendes Finanzmanagement.

Der Fokus auf KMU

Trotz Fortschritten ist eine kritische Betrachtung angebracht. Bisher konzentrieren sich die Schweizer Angebote vor allem auf Firmenkunden, genau genommen auf Schweizer KMU. Diese profitieren vor allem im Rechnungswesen davon, indem sich Bankguthaben und Transaktionsbewegungen von mehreren Bankkonten in Echtzeit in einer Buchhaltungslösung wie bexio, Klara oder Abaninja anzeigen lassen. Darüber hinaus können die KMU ihre Zahlungen direkt aus einer solchen Drittlösung in das Onlinebanking ihrer Hausbank übertragen. Die ePost-App bietet diese Möglichkeit bereits heute an – auch für Privatpersonen.

Ähnlich sieht es in der Vermögensverwaltung aus. Hier können unabhängige Vermögensverwalter über standardisierte Schnittstellen Positions- und Transaktionsdaten von Depotbanken in ihr Portfoliomanagementsystem integrieren und umgekehrt Börsenaufträge direkt an die Depotbanken ihrer Kundschaft übermitteln.

Dazu müssen KMU in einem ersten Schritt ihre Bankkonten mit der gewünschten Softwarelösung oder App verknüpfen. Die Einrichtung mit modernen Open-Banking-Lösungen dauert nur wenige Sekunden bis Minuten und funktioniert vollständig über branchenübliche Standards für die Online-Autorisierung wie OAuth 2.0 und Sicherheitsmethoden zur Identitätsprüfung wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Öffnung für Privatkundinnen und Privatkunden durch Multibanking

Die Schweizer Bevölkerung hat derzeit keine solche Datensouveränität. Bewegung verspricht nun jedoch eine laufende Bankeninitiative, die erstmals sogenannte Multibanking-Angebote für Privatpersonen lancieren will. Über 40 Schweizer Banken haben unter der Federführung der Schweizerischen Bankiervereinigung eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet. Die ersten Angebote sollen 2025 auf den Markt kommen. Damit könnten Schweizer Bürgerinnen und Bürger ihre Finanzdaten erstmals einfach und vollständig digital mit Dritten teilen. Der Austausch von Privatkundendaten erfolgt dabei nicht nur unter Banken, wie es der Begriff «Multibanking» suggeriert, sondern auch mit Nichtbanken wie Fintechs. Erst dann wäre die Multibanking-Initiative «wirksam umgesetzt», wie es der Bundesrat in seiner Medienmitteilung ausdrückt.

In einem ersten Schritt betrifft die Initiative Privatkonten, die bereits heute vielfältige Anwendungsmöglichkeiten bieten. Indem Bankkonten zusammengeführt werden, könnten Apps von Banken oder Drittanbietern ein umfassendes Finanzmanagement ermöglichen, einschliesslich der Berechnung von Sparquoten oder eines ausgabenbasierten Nachhaltigkeitstrackings. Dritte könnten auf der Grundlage bestehender Kontodaten effiziente Identitätsprüfungen durchführen, was das Onboarding von Neukundinnen und -kunden erheblich erleichtern würde. Durch die Abfrage von Guthaben- und Transaktionsdaten liesse sich die Kreditwürdigkeit von Personen schnell und einfach ermitteln. Letzteres wird vor allem im Zusammenhang mit Kleinkrediten oder der stark wachsenden Zahlungsmethode «Jetzt kaufen, später bezahlen» im Onlinehandel relevant. All diese Angebote werden um uns herum, zum Beispiel in der EU oder in Grossbritannien, bereits intensiv genutzt.

Interoperabilität als Schlüssel zu Innovation

Ein grundlegendes Problem in der traditionellen Finanzwelt ist der Mangel an Kompatibilität. Finanzdienstleistungen und Finanzdienstleistungsanbieter

sind in isolierten Silos voneinander getrennt und können sich nur begrenzt miteinander verbinden, um neue Services zu schaffen. Das hemmt Innovation. Die Multibanking-Initiative ermöglicht durch den Aufbau einer API-Infrastruktur, an der sich die Mehrheit der Schweizer Banken beteiligt, eine bisher unerreichte Interoperabilität. Im Ausland zeigt sich, dass Finanzinstitute auf dieser technologischen und strategischen Grundlage beginnen, ihre Daten, Produkte und Services nicht nur untereinander auszutauschen, sondern auch in die Wertschöpfungskette von Unternehmen anderer Branchen zu integrieren, um nahtlose Kundenerlebnisse und finanzielle Inklusion zu ermöglichen.

Eine offene Datenwelt

Der Schweizer Bundesrat betont in seiner Medienmitteilung, dass das Multibanking-Modell ein interessanter Ansatz sei, um über standardisierte Schnittstellen weitere Datenquellen zu öffnen, etwa im Vorsorge- oder Versicherungsbereich. Spätestens dann hätten wir in der Schweiz tatsächlich eine hohe Datensouveränität, zumindest was unsere Finanzen angeht. Gelingt diese Entwicklung, hat der Finanzsektor das Potenzial, entscheidende Weichen für eine offene, standardisierte und sichere Schweizer Datenlandschaft zu stellen und als Vorbild für andere Branchen wie das Gesundheitswesen, die Telekommunikation oder den Energie- und Wohnungsmarkt zu dienen. Dann bewegen wir uns nicht mehr nur im Rahmen von Open Banking oder Open Finance, sondern in Richtung Open Data. Eine Welt, in der wir die volle Kontrolle und Transparenz über all unsere Daten haben und sie bewusst und zweckmässig in unserem privaten und geschäftlichen Alltag einsetzen können.

Entdecken Sie mehr

CBDC und Instant Payments: eine Kombination mit Tücken

Panorama

CBDC und Instant Payments: eine Kombination mit Tücken

Ein einziges Land betreibt sowohl ein CBDC als auch ein Instant Payments-System, um die finanzielle Inklusion und Effizienz zu erhöhen. Unterschiedliche Standards und Technologien erschweren jedoch die Interoperabilität. Einige Länder erwägen stattdessen Wholesale CBDCs.

8 Juli 2026

4 Minuten
PSR und PSD3 – Auswirkungen

Experts

PSR und PSD3 – Auswirkungen

Die EU hat die PSD3 und PSR vorgeschlagen, um die PSD2 zu überarbeiten. Ziele sind u.a. die Verbesserung der Kundenauthentifizierung, der Betrugsbekämpfung und des Open Banking. Die neuen Regelungen sollen ab 2026 gelten und harmonisierte Standards für Zahlungsdienstleister schaffen.

5 September 2024

5 Minuten
Geht der Harmonisierung die Puste aus?

Experts

Geht der Harmonisierung die Puste aus?

Die Harmonisierung des Zahlungsverkehrs in der Schweiz hat grosse Fortschritte gemacht, insbesondere durch die Einführung von ISO 20022. Globale Initiativen wie die Swift-Migration und G20-Massnahmen unterstützen diesen Trend. Herausforderungen bestehen in der Regulierung und den Kosten.

5 September 2024

3 Minuten
Kryptowährungen entdecken den ISO-20022-Standard

Experts

Kryptowährungen entdecken den ISO-20022-Standard

Kryptowährungen adaptieren den ISO-20022-Standard, um die Interoperabilität mit traditionellen Finanzsystemen zu verbessern und Vertrauen zu gewinnen. Dies erleichtert die Integration, verbessert die Compliance und optimiert grenzüberschreitende Zahlungen.

5 September 2024

2 Minuten
«Ein Finanzsystem, in dem man seine Assets nicht selbst verwahren oder übertragen kann, ist nicht ideal»

Talk

«Ein Finanzsystem, in dem man seine Assets nicht selbst verwahren oder übertragen kann, ist nicht ideal»

Prof. Fabian Schär erklärt, dass Open Banking für Endnutzer oft uninteressant ist, aber eine solche Architektur Transparenz und Wettbewerb fördern kann. DeFi biete Optionen, um Assets selbst zu verwahren. Ein Finanzsystem ohne diese Möglichkeit sei nicht ideal.

5 September 2024

2 Minuten
Freiwilligkeit und Kosten als Hindernisse für eine breite Nutzung von Instant Payments in der EU

Talk

Freiwilligkeit und Kosten als Hindernisse für eine breite Nutzung von Instant Payments in der EU

Die Nutzung von Instant Payments (SCT Inst) in der EU liegt unter 20 % aufgrund von Freiwilligkeit und hohen Kosten. Banken bieten sie oft als kostenpflichtige Premium-Dienstleistung an. Die neue EU-Verordnung soll diese Probleme lösen und SCT Inst mittelfristig zum Standard machen.

6 Juni 2024

2 Minuten