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Veröffentlicht am
7 Dezember 2022
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Die TARGET2/T2S-Konsolidierung, die ebenfalls als «Big Bang» bezeichnet wird, erfolgt dagegen in einem bestens vertrauten Raum – in einem Umfeld mit internationalen Standards, Infrastrukturen, Schnittstellen und Prozessen. Kein Urknall also für den Zahlungsverkehr, aber doch eine Umstellung mit einem gewissen Knalleffekt.
Seit 15 Jahren verfügt die EU mit TARGET2 über eine Gemeinschaftsplattform für RTGS-Zahlungen in Euro. Daneben betreibt die Europäische Zentralbank die Systeme TARGET2 Securities (T2S) für die Wertschriftenabwicklung und TARGET Instant Payment Settlement (TIPS). Diese hatten bisher nur Schnittstellenverbindungen zu TARGET2, ansonsten waren sie jedoch weitgehend autonom. Eine harmonisierte Nutzung der Plattformen erschwerte auch der Umstand, dass unterschiedliche Meldungsstandards zum Einsatz kamen. Am Bankwerktag vom 20. März 2023 ist es dann so weit: Sämtlicher Meldungsaustausch zwischen und innerhalb der drei Plattformen beruht neu ausschliesslich auf dem ISO-20022-Standard. Das ist die bedeutendste Veränderung für die rund 1500 angeschlossenen Finanzinstitute. Eines davon die SECB Swiss Euro Clearing Bank GmbH, die im Auftrag des Finanzplatzes Schweiz unter anderem den grenzüberschreitenden Euro-Zahlungsverkehr zwischen den Schweizer Finanzinstituten und TARGET2 erleichtert. Auch für sie heisst es ab Frühlingsanfang: TARGET2 ist abgeschaltet, die Migration auf T2 erfolgt ohne Parallelphase.
Neben der Einführung von ISO 20022 bringt die Konsolidierung weitere wesentliche Veränderungen mit sich. So verfügen alle drei TARGET-Services (RTGS, T2S, TIPS) über gemeinsame Komponenten wie beispielsweise ein Stammdatenverzeichnis oder ein zentrales Liquiditätsmanagement. Dies erlaubt dem Finanzinstitut, alle seine servicebezogenen Aktivitäten über ein einziges Konto in Zentralbankgeld zu steuern. Dadurch lässt sich eine Vielzahl von Prozessen des Liquiditätsmanagements und der Meldungsverarbeitung automatisieren. Den Zugang zu diesen Services aus anderen Zahlungssystemen (z. B. EURO1/STEP1, RT1, STEP2) stellen zwei Netzwerkdienstleister über einen zentralen Zugangspunkt sicher.
Neu können Finanzinstitute auch Zahlungen in der Nacht abwickeln. Ein weiterer Vorteil der Umstellung für die direkten und indirekten Teilnehmer und für die mit diesen verbundenen Finanzinstituten ist die einheitliche grafische Benutzeroberfläche.
Neben den Optimierungen auf funktionaler und prozessualer Ebene verspricht die Europäische Zentralbank, die IT-Sicherheit zu optimieren, um den vermehrten Risiken von Cyberangriffen entgegenzuwirken.
Eigentlich hätte die Big-Bang-Migration bereits im November 2021 stattfinden sollen. Der Go-live wurde allerdings zuerst auf dieses Jahr verschoben. Nicht nur die COVID-19-Pandemie und die dadurch gebremste Bereitschaft zur Umstellung, sondern vor allem die Verschiebung der Einführung von ISO 20022 im Korrespondenzbankgeschäft durch SWIFT hat die Verlegung des Migrationstermins unausweichlich gemacht. Schliesslich ist für einen Grossteil der Teilnehmer die Sicherstellung von Interoperabilität zwischen ihrem Ausland- und RTGS-Zahlungsverkehr eine der vorrangigen Herausforderungen gewesen.
Das Projekt wird durch die nationalen Zentralbanken entlang eines einheitlichen Meilensteinplans gemanagt und die Bereitschaft zur Migration regelmässig in europaweiten Umfragen erfasst. Besonders zum Ende des Projekts ergab sich daraus die Erkenntnis, dass die offizielle Testphase zur Erfüllung der verpflichtenden Testfälle um drei Wochen verlängert werden müsste, um allen Teilnehmern einen erfolgreichen Abschluss ihrer Tests zu ermöglichen.
Anfang 2019 hat die SECB ihre interne Impact-Analyse gestartet, um den Einfluss der TARGET2/T2S-Konsolidierung auf ihre Geschäftsprozesse in der Zahlungsabwicklung, die Liquiditätssteuerung und ihr Zahlungssystem zu identifizieren sowie die notwendigen Anpassungen in der Netzwerkanbindung über SWIFT zu eruieren.
Die Anforderungen waren zwar grundsätzlich seit Projektbeginn bekannt. Durch iterative Veröffentlichungen von Änderungen durch die Europäische Zentralbank zur Projektlaufzeit, zum Meldungsstandard und zu den Funktionen der TARGET-Services konnte die SECB die Anpassungen an ihrem System jedoch erst 2021 vornehmen lassen.
Nicht zuletzt hat die offizielle Projektverschiebung zunächst mehr Irritation als Erleichterung gebracht. Für die SECB hat sich dies aber schliesslich als positiv herausgestellt. So konnte sie nämlich schrittweise vorgehen. Zuerst erfolgte die Migration der SWIFT-Applikationen in den IT-Betrieb von SIX Ende 2020, dann die Umstellung der verbliebenen Applikationslandschaft im zweiten Quartal 2022. Diese beiden Schritte bildeten die Grundlage für die Netzwerkanbindung an die TARGET-Services und einen stabilen Betrieb des eigenen Zahlungssystems.
Seitdem das SWIFT Service Bureau von SIX Anfang dieses Jahres die Anbindung an die TARGET-Services-Testumgebung für die SECB realisiert hat, konnte die SECB sukzessive interne und externe Tests auch ohne den zusätzlich gewährten Aufschub von drei Wochen erfolgreich vollenden.
Die laufende Projektphase steht im Zeichen abschliessender Migrationstests sowie der Vorbereitung der Mitarbeitenden einerseits und der Abnahmetests für die Konvertierung des am 21. November 2022 eingeführten ISO-20022-Standards des euroSIC Release 4.9 anderseits. Denn auch wenn die SECB durch die Umstellung der TARGET-Services auf den ISO-20022-Standard keine SWIFT-FIN-Meldungen im Zahlungsverkehr mehr verarbeiten wird, so bedeutete das keineswegs, dass alle Meldungen einfach durchgeleitet werden können.
Die grössten Herausforderungen sind und bleiben die Wahrung der Interoperabilität zwischen den unterschiedlichen «Geschmacksrichtungen» des ISO-20022-Standards – und für die Übergangsphase bis zum 20. März 2023 die Interoperabilität zwischen ISO 20022 und SWIFT FIN. Seine unterschiedlichen Ausprägungen in den TARGET-Services und im aktuellen euroSIC-Release bringen mannigfaltige Herausforderungen mit sich.
Das lässt sich beispielsweise gut anhand einer Kundenzahlung zeigen, die über TARGET an einen euroSIC-Teilnehmer geleitet wird. Die Informationen, die im Feld «Instruction for Next Agent» zuhanden des Instituts des Zahlungsempfängers enthalten sind, kann das entsprechende Feld in euroSIC nicht übernehmen. Denn dieses Feld ist bereits mit anderweitigen Inhalten belegt.
Die Lösung des Problems an dieser Stelle auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Die SECB hat ein Rezept.
Eine weniger bekannte, aber dennoch elementare Serviceleistung der SECB ist die Liquiditätsbereitstellung für die Wertschriftenabwicklung in T2S für den Schweizer Zentralverwahrer SIX SIS. Dafür wurde vor langer Zeit gemeinsam mit der Deutschen Bundesbank ein gesondertes Konstrukt geschaffen. Durch die TARGET2/T2S-Konsolidierung waren Teile davon nicht übertragbar und es mussten neue Funktionalitäten aufgesetzt werden.
Alles in allem könnte die SECB als durchleitendes Finanzinstitut für Euro-Zahlungen von euroSIC-Teilnehmern insbesondere durch die zentrale Liquiditätssteuerung heute schon gewisse Effizienzsteigerungen für sich verbuchen. Hätte da nicht die Europäische Zentralbank wegen Testverzögerungen bei manchen Marktteilnehmern den Start erneut verschoben: vom 21. November 2022 auf den 20. März 2023.
Aufgeschoben bedeutet nicht aufgehoben. Der einheitliche Standard für SEPA-, SWIFT- und nun auch TARGET-Zahlungen wird zu gegebener Zeit mit Sicherheit eine vereinfachte fortlaufende Anpassung ihres Backend-Zahlungssystems ermöglichen.
Die SECB blickt gespannt auf den Big Bang am Morgen des 20. März 2023 und danach auf die weitere Expansion des Zahlungsverkehrs-Universums. Die SECB wird auch bereit sein für die geplante Einführung von Instant Payments und die vollständige Umstellung auf ISO 20022 im Korrespondenzbankgeschäft bis 2025. Auch hier bietet ISO 20022 noch Potenzial: Durch mehr und strukturiertere Informationen zu Transaktionsbeteiligten kann die SECB mit den wachsenden Herausforderungen bezüglich Bekämpfung von Geldwäscherei und Sanktionsverstössen Schritt halten.
Die TARGET2/T2S-Konsolidierung ihrerseits vermag Innovationen Schwung zu verleihen – und hilft vielleicht auch dem digitalen Euro und anderen Visionen der Europäischen Zentralbank auf die Sprünge.
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