«Ohne Treuhänder wären wir aufgeschmissen»

Autor/-in

Simon Brunner

Veröffentlicht am

5 Dezember 2023

Lesezeit

Minuten

Zu Besuch Vanessa Jenni, Geschäftsführerin bei Treuhand Suisse

Ein kurzer Spaziergang vom Bahnhof Bern ins Monbijou-Quartier, benannt nach einem barocken Landgut (zu Deutsch: «mein Schmuckstück»). Von Bauernhöfen ist weit und breit nichts mehr zu sehen – doch in wenigen Minuten geht es genau um sie.

Durch eine unscheinbare Tür betreten wir einen stattlichen Altbau und steigen eine schmale Treppe hinauf. Dort empfängt uns Vanessa Jenni, die Geschäftsführerin von Treuhand Suisse. Sie hat Agronomie studiert und sie lebt auf einem Bauernhof. Wobei sie gleich klarstellt: «Mein Mann führt den Hof, ich helfe nur am Wochenende aus.» Und ergänzt: «Obwohl ich den Verband leite, haben wir einen Treuhänder – ohne den wären wir aufgeschmissen. Wie fast jede Firma auf der Welt.»

Jenni, gelbe Socken, Crocs, kurzärmliges Hemd, führt uns in ein riesiges Sitzungszimmer, in dem locker zwei Pingpongtische Platz hätten. Wir sprechen über die Treuhandbranche, der Verband will seine Mitglieder vermehrt als Coaches für KMU positionieren. «Während Corona wurde uns eindrücklich bewusst, wie wichtig unsere Beratungsfunktion ist», sagt Jenni und erzählt: «Als die Richtlinien für staatliche Unterstützung von Woche zu Woche änderten, hatten die Unternehmen schlicht keine Chance, ständig auf dem Laufenden zu bleiben». Aber auch im «Normalbetrieb» sind Treuhänder oft die erste Anlaufstelle für das Management, wenn der Schuh drückt.

Die Treuhänder sehen sich aber auch in der Rolle von Inputgebern: Gerade auch bei der Digitalisierung seien sie meist weiter als ihre Kundenfirmen und könnten diesen wertvolle Tipps geben, so Jenni. Natürlich gebe es «immer noch Firmen, die mit Kisten voller Papier in ihr Treuhandbüro kommen», die Branche muss somit für alle Kunden zugänglich sein.

Was für die Dokumentenablage gilt, trifft auch auf den Zahlungsverkehr zu: «Unsere Mitglieder sind meist sehr technikaffin und begrüssen die Digitalisierung», sagt Jenni und ergänzt: «Sie haben die QR-Rechnung sofort eingeführt, nutzen eBill seit der ersten Stunde und sind über Instant-Zahlung informiert.» Doch die typische Treuhandkundschaft – Schreinereien, Coiffeursalons, Physiotherapiepraxen – stünde den neuen Technologien skeptischer gegenüber. «Ich verstehe das», sagt Jenni, «denn der Zahlungsverkehr hat meist wenig mit dem eigenen Kerngeschäft zu tun.»

Auf dem Flipchart im XXL-Sitzungszimmer sieht man Kinderzeichnungen – «meine Töchter waren kürzlich hier», sagt Jenni. Doch vom Büro der Mutter sind die Kleinen wenig angetan: Beim Papi auf dem Bauernhof sei es viel spannender. Kein Wunder: Neben Nutztieren, Gemüsebeeten und Obstbäumen gibt es eine Fischzucht und vor allem eine Pferdepension. Letztere gehört übrigens zum Aufgabengebiet der Mutter: Sie ist nicht nur passionierte Reiterin und Züchterin, sondern auch Pferdewissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Vereinigung Pferd.

Welche Themen beschäftigen die «Pferdeflüsterin» sonst noch? Sofort kommt sie auf den Fachkräftemangel zu sprechen. «Personal im Treuhand ist in der Schweiz mindestens so rar wie in der Pflegebranche oder an den Schulen», sagt Jenni, «die meisten Mitglieder in unserem Verband sind derart überlastet, dass sie meist keine neuen Mandate mehr annehmen». Bei Treuhand Suisse laufen dementsprechend Programme für Quereinsteiger. «Kürzlich rief mich eine Drogistin an und wollte sich über unseren Berufsstand informieren», erzählt Jenni
und fügt an: «Zuerst war ich etwas erstaunt, merkte aber schnell, wie fundiert sie sich bereits weitergebildet und informiert hatte. Und der Kundenumgang liegt ihr sowieso im Blut.» Es folgt ein kurzer Werbespot: Der Job des Treuhänders sei sehr abwechslungsreich, man schaue tief in die Firmen hinein, «und der Lohn ist mehr als interessant», so Jenni.

Auf der Geschäftsstelle von Treuhand Suisse arbeiten sieben Personen und der Verband vertritt 4000 Einzel- und Firmenmitglieder, die vorwiegend für KMU und Privatpersonen tätig sind. Jenni selbst hat übrigens keine Treuhandausbildung. Zu Treuhand Suisse kam sie eher zufällig. Vor dem Studium arbeitete sie beim Bundesamt für Migration und kannte den damaligen Juristen des Amts gut. Als dieser Jahre später beim Verband einstieg, meldete er sich bei Jenni und überzeugte sie, zu wechseln. «Dass ich keine Treuhänderin bin, ist kein Problem», so Jenni, «ich muss ja nicht die Buchhaltung machen, sondern den Verband führen.» Lachend gesteht sie, dass sie eBill noch nicht nutzt («muss ich jetzt endlich tun!») und dass sie die Rechnungen von ihrem Hof in Papierform sammelt («wie peinlich»).

Es ist spät geworden im Monbijou – Jenni verabschiedet sich, sie muss los, denn heute Abend gibt sie noch zwei Reitstunden «und wenn ich dann noch mag, schwinge ich mich selbst aufs Pferd und reite in den Sonnenuntergang».

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