Schweiz: Instant-Zahlung wird zum Standard

Aerial view of a dam, symbolizing the two sides of the CSDR coin: data quality for cash penalty calculation and reconciliation for settlement reporting, highlighted in the "Two Sides of the CSDR Coin" webinar.

Autor/-in

Boris Brunner Gabriel Juri

Veröffentlicht am

1 Juni 2023

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Treffpunkt: Schweizer Finanzmuseum, Zeit: 17 Uhr. Der letzte Besucher verlässt gerade den Raum der Vergangenheit. Er mag sich verwundert gefragt haben, warum sich ein kleines Publikum nach der Schlusszeit um eine Vitrine versammelt. Die Kulisse ist extra für diesen Anlass ausgeleuchtet. Dabei wollen der Verwaltungsrat und die Geschäftsführung der SIX Interbank Clearing AG (SIC AG) nicht zurück, sondern nach vorne blicken: auf die Einführung von Instant-Zahlung in der Schweiz.

Mit dabei sind Patrick Graf, Verwaltungsratspräsident und Mitglied der Geschäftsleitung der St. Galler Kantonalbank, Prof. Dr. Sébastien Kraenzlin, Leiter Operatives Bankgeschäft der Schweizerischen Nationalbank, Michael Montoya, Geschäftsführer der SIC AG bis Ende Mai 2023, und sein Nachfolger Matthias Sailer.

Instant-Zahlungen werden während 24 Stunden, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr abgewickelt. Welche Bedeutung aus Konsumentensicht messen Sie einem sofortigen Geldfluss zu? 

Patrick Graf: In der heutigen Welt, wo ich beispielsweise ein Zeitungsabo abschliessen und unmittelbar darüber verfügen kann, macht es Sinn, auch sofort digital zu bezahlen. Eine Transaktion sofort ausgeführt zu sehen und das Geld erhalten zu haben, auch Rückerstattungen – das bringt Sicherheit. Ich muss nicht später kontrollieren, ob das Geld tatsächlich angekommen ist. Die eigene Finanzsituation jederzeit wirklichkeitsgetreu im Blick zu haben, ist also von Vorteil.

Sébastien Kraenzlin: Hier spielen auch die Erwartungen aus Konsumentensicht eine Rolle. Eine WhatsApp-Meldung erreicht mich unmittelbar nach dem Versand – eine Zahlungsverarbeitung via E-Banking dagegen kann mehrere Stunden dauern und bei einer Kreditkartentransaktion kann die Gutschrift beim Händler sogar erst nach mehreren Tagen erfolgen. Einzig Bargeld ermöglicht einen Übertrag in Echtzeit, final und unwiderruflich. Künftig erlauben auch Instant-Zahlungen diese unmittelbare Verfügbarkeit und Finalität.

Viel Potenzial für Konto-zu-Konto-Zahlungen

Matthias Sailer: Was Sébastien hier anspricht, ist die durchgängige Automatisierung der Zahlungsprozesse einerseits und die komplette Transparenz mit Instant-Zahlung andererseits – nicht nur zwischen den Banken, sondern darüber hinaus auch zwischen der zahlenden und der begünstigten Partei. Nicht zu vergessen ist das Gegenparteirisiko, das mit Instant-Zahlung gänzlich wegfällt, denn die Transaktion wird sofort und unwiderruflich verarbeitet.

Die Kleinbetragszahlungen beispielsweise mit TWINT – die in Tat und Wahrheit momentan nicht den Instant-Payment-Regeln entsprechen – zeigen, dass die Bankkundschaft das Bedürfnis hat, schnell und jederzeit das Geld von Konto zu Konto zu verschieben. Was bei Privaten Sinn macht, funktioniert auch bei Firmenkunden. Gerade hier hat Instant-Zahlung ein grosses Potenzial. Ich denke da an die Treasury-Zahlungen, aber auch an die Zug-um-Zug-Geschäfte, die bei Firmenkunden von grosser Bedeutung sind.

Welche Probleme löst das neue Echtzeitverfahren?

Sébastien Kraenzlin: Ich würde eher von Risiken sprechen. Um bei TWINT zu bleiben: Einerseits sehe ich hier das Risiko, dass die Zahlung bei der begünstigten Partei zwar in Echtzeit ankommt, aber der Geldtransfer zwischen den beiden Banken erst zwei Tage später erfolgt. Die Empfängerbank geht gegenüber der begünstigten Partei faktisch in eine Vorleistung. Andererseits sehe ich ein vergleichbares Risiko im Acquiring-Geschäft bei POS-Transaktionen. Wir haben also auch hier ein gewisses Erfüllungsrisiko, das wir mit Instant-Zahlung adressieren können. Abgesehen davon, dass wir diese Risiken angehen, entwickeln wir Perspektiven für Dienstleistungsinnovationen.

Welche Perspektiven?

Patrick Graf: Heute ist es doch so, dass die Banken mit dazwischengeschalteten Finanzintermediären zu tun haben und keinen direkten Kundenkontakt pflegen können. Mit Instant-Zahlung eröffnet sich die Chance für eine unmittelbare Kundenbeziehung in jeder Phase der Zahlungskette. Das hilft auch der Kundschaft, ihre Finanzen an einem Ort zu haben und diese so viel besser organisieren zu können. In diesem Zusammenhang verpasst Instant-Zahlung auch Open Banking einen Boost, da sich die Schnittstellen vereinfachen und transparenter gestalten lassen. Jede Transaktion ermöglicht es den Banken, näher bei der Kundschaft zu sein und so rascher auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Michael Montoya: Letztendlich geht es auch darum, den Zahlungsverkehrsprozess für zukünftige Innovationen und neue Bezahllösungen auszurichten. Der Zahlungsverkehr funktioniert heute klassisch: Ich erhalte die Rechnung, erfasse sie und bezahle sie, und das Ganze läuft über Tage hinweg. Bei Instant-Zahlung geht es also auch darum, Grundlagen zu schaffen, um überhaupt Neues entdecken zu können. Für mich schaffen wir mit der Instant-Zahlung neue Anknüpfungspunkte zwischen der klassischen Zahlungsverkehrswelt und der Karten- sowie Mobile-Banking-Welt. Andererseits entwickeln wir ein Stück weit Alternativen für die Welt, die heute durch internationale Kartenschemes wie Visa und Mastercard dominiert wird. Die Konto-zu-Konto-Beziehung (A2A) wird stärker in den Vordergrund rücken. Als «Intermediär» können wir die Karte mit dem zugrundeliegenden Scheme betrachten. Wenn wir uns vom Scheme lösen, lassen wir auch die Karte aussen vor, indem wir A2A nutzen. Aber: Beides ist möglich – Karte und A2A. Die Karte wird also nicht unterbunden, nur gibt es mit A2A eine Alternative dazu und in diesem Sinne eine Ergänzung zu den kartenbasierten Prozessen.

«Mit Instant-Zahlung eröffnet sich die Chance für eine unmittelbare Kundenbeziehung in jeder Phase der Zahlungskette.»

Cashflow optimieren

Patrick Graf: Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Sie können die Zahlung auf einen beliebigen Zeitpunkt – auf die Minute genau – terminieren. Das heisst, Sie können dafür sorgen, dass die Salärzahlungen an Ihre Mitarbeitenden – aus welchen Gründen auch immer – genau am 25. jeden Monats um Punkt 8.37 Uhr ausgelöst werden, egal ob an Wochenenden oder Feiertagen. Die Ausführung erfolgt instant zu diesem Zeitpunkt, sodass die Mitarbeitenden ihr Geld in derselben Minute auf ihrem Konto gutgeschrieben sehen. Dadurch lässt sich der Cashflow der Firma optimal verwalten.

Sébastien Kraenzlin: Wir können den Rahmen noch weiter fassen. Wir haben das Bargeld, das digitale und in Zukunft wohl auch das tokenisierte Geld. Wichtig ist, dass diese Geldarten jederzeit beliebig austauschbar, also fungibel sind. Bargeld ist ja seit jeher sozusagen instant, digitales Geld wird es mit Instant-Zahlung ebenfalls sein. Und schliesslich verspricht man sich vom Ökosystem mit tokenisiertem Geld auch eine Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit. Die Herausforderung für die Banken ist nun, dass sie rund um die Uhr erreichbar sein müssen, damit sie in diesen drei Welten weiterhin eine aktive Rolle spielen können.

Inwieweit ist diese Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit eine Kraftanstrengung für die Banken?

Michael Montoya: Das ganze Instant-Zahlungsverfahren basiert auf der durchgängigen Automatisierung der Zahlungsprozesse, die Sébastien und Matthias vorher erwähnt haben. Sollte die Einführung von Instant-Zahlung jedoch dazu führen, dass die Banken ihre Arbeitszeiten in die Nacht verlegen müssen, würde etwas falsch laufen. Selbstverständlich gäbe es neue Herausforderungen. Wie soll sich die Bank beispielsweise verhalten, wenn eine Zahlung in der Nacht gestoppt wird, weil der Abgleich mit internationalen Sanktionslisten einen Treffer generiert? Im Umgang mit solchen Vorkommnissen müssen wir noch praktische Erfahrungen sammeln.

Positive Nutzererlebnisse

Wie können wir sicherstellen, dass Instant-Zahlung nicht zu einem Sonderfall im Zahlungsverkehr wird?

Patrick Graf: Entscheidend ist, dass wir Schwung in dieses System bringen. Wir sehen es bei TWINT sehr schön: Nach einem schwierigen Anlauf mit der Suche nach Anknüpfungspunkten hat sich die P2P-Zahlung etabliert. Dann ging es schneller und einfacher mit dem POS-Geschäft – insbesondere online. Ähnlich soll es Instant-Zahlung ergehen. Zuerst braucht es ein gutes Angebot und dann positive Nutzererlebnisse.

Michael Montoya: Die Herausforderung für die Banken ist, dass sie nicht generell auf «Rund um die Uhr» ausgerichtet sind. Es gibt zwar einzelne Bereiche im Handel und in der IT oder auch im Callcenter, die 24/7 im Einsatz sind, nicht aber im Accounting einer Bank. Hier sind noch Tagesabschlüsse und Batchverarbeitung an der Tagesordnung. Instant-Zahlung eröffnet der Bank die Chance, den bei ihr gut funktionierenden 24/7-Betrieb organisatorisch zu adaptieren und in Kundenangebote umzumünzen, die über die normalen Geschäftszeiten hinausgehen.

Alle Schweizer Zahlungsverkehrsbanken werden Instant-Zahlungen empfangen müssen, aber was ist der zündende Funke, der zum Einliefern anregt?

Michael Montoya: Als SEPA eingeführt wurde, hat es niemand genutzt, es gab kein Volumen. Was haben dann die Banken unternommen? Sie haben Zahlungen, die die SEPA-Kriterien erfüllten, als SEPA-Zahlungen weitergeleitet, unabhängig davon, ob die zahlende Partei die Transaktion als SEPA-Zahlung beauftragt hat oder nicht. So kam Bewegung in das Ganze. Irgendwann haben sich die Kundinnen und Kunden angepasst. Sie haben nämlich mitgekriegt, dass die Fremdkosten im SEPA-Raum plötzlich niedriger sind. Analog dazu kann ich mir vorstellen, dass Banken Überweisungen in den Instant-Zahlungsprozess leiten, ohne dass die zahlende Partei sie als Instant-Zahlungen eingeliefert hätte. Die begünstigte Partei ist über die schnelle Gutschrift angenehm überrascht und hat somit ein positives Nutzererlebnis. Es gibt dann vielleicht einen neuen Service in Form einer Rückmeldung an die zahlende Partei. Das kann beispielsweise eine Firma sein, die diese Zusatzdienstleistung zu schätzen weiss, auch wenn sie die Zahlung nicht als Instant-Zahlung in Auftrag gegeben hat. Jede Bank entscheidet selbst, ob sie ihrer Kundschaft über diesen neuen Weg neue Angebote und letztendlich neue Kundenerfahrungen bieten will.

Patrick Graf: Es ist ganz normal, dass Instant-Zahlung nicht sofort einschlagen wird – bei SEPA und TWINT war es nicht anders. Wir müssen nur Geduld haben. Wichtig ist, dass alle für dieses neue Normal den gleichen Namen verwenden: «Instant-Zahlung» auf Deutsch, «paiement instantané» auf Französisch und «pagamento istantaneo» auf Italienisch.

Michael Montoya: Noch ein Punkt, den wir noch nicht angesprochen haben: Wir müssen unterscheiden zwischen Instant-Zahlung als Angebot für die Kundinnen und Kunden und dem Instant-Zahlungsprozess, der auf der Marktinfrastruktur stattfindet. Dieser Prozess wird nebst dem Zahlungsverkehr auch für andere Anwendungsfälle nutzbar sein. Nehmen wir zum Beispiel den Devisen-Spothandel, wo der Geldfluss nach dem Geschäftsabschluss zwei Tage dauert. Oder nehmen wir den Wertschriftenbereich, wo es beim Settlement einer Transaktion um die Abwicklung der Geldseite («cash leg») geht. Die Instant-Marktinfrastruktur erlaubt es, für genau solche Anwendungsfälle bessere Lösungen zu entwickeln.

Matthias Sailer: Die Stärke wird sein, die verschiedenen Anwendungsbereiche clever zu kombinieren. Da ist also viel Potenzial, um für alle Wirtschaftsakteure einen Mehrwert zu schaffen. 

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