Ein Mann, eine Mission: Gläubigerschutz

Autor/-in

Simon Brunner

Veröffentlicht am

8 März 2024

Lesezeit

Minuten

Zu Besuch bei Raoul Egeli, Präsident der Gläubigerorganisation Creditreform (und noch vieles mehr)

«Die Schöggeli sind im Nu weg, wir müssen ständig nachlegen», staunt Barbara Egeli, während sie den Korb nachfüllt. Sie ist die Frau von Raoul Egeli, den wir heute besuchen, und sie treffen wir im Eingangsbereich des vierstöckigen Hauptsitzes der Egeli Gruppe in St. Gallen.

Ein kurzes Telefonat nach oben, und schon kommt die nächste Egeli, diesmal die Tochter. Sie ist die Assistentin von Raoul Egeli. Nathalie führt uns in den 4. Stock. Dort sitzt auch ihr Bruder und vier weitere Egelis arbeiten ebenfalls im Familienbetrieb. Schliesslich erreichen wir das «Corner Office», das Eckbüro mit Postkartenblick über die Stadt. Raoul Egeli erwartet uns – die Haare perfekt nach hinten gegelt, modisches Sakko, coole Schuhe. An der Gürtelschnalle eine grosse Appenzeller Kuh. «Ich bin ein Fan von Roger Dörig, dem Hersteller der Appenzeller Gürtel», erklärt er.

Egeli wirkt locker und zuvorkommend, er ist aber ein Mann auf Mission. Und zwar dreht sich bei ihm alles um den Gläubigerschutz. Sein Ziel: die Zahl der unbezahlten Rechnungen säumiger Zahler zu reduzieren (dass er sich dabei als Inkassospezialist selbst abschafft, stört ihn «überhaupt nicht»). In der Schweiz hätten «eine halbe Million Menschen Zahlungsschwierigkeiten», so Egeli, und dasselbe gelte für 60 000 Firmen. «Da muss man aufpassen.» Egeli weiss, wovon er spricht. Creditreform, das Gläubigernetzwerk, erteilt Bonitätsinformationen zur Prüfung der Kreditwürdigkeit über alle in der Schweiz ansässigen Unternehmen und Privatpersonen – «und nicht alle haben hehre Absichten», sagt Egeli. Er erzählt von einem Mann, der als Bestatter in Firmen einsteigt, um sie dann an die Wand zu fahren. «Auch damit lässt sich Geld verdienen.»

Ja, es gibt Scharlatane, entgegnen wir, aber ist es nicht eine der grossen Stärken der Schweiz, dass wir einander vertrauen können? Bei uns reicht ein Handschlag, um einen Vertrag zu besiegeln. Egeli entgegnet: «Die Inkassobüros in der Schweiz bearbeiten durchschnittlich über fünf Millionen offene Forderungen und Verlustscheine mit einem Geldwert von über 11 Milliarden Franken. Geld, auf das die Gläubiger warten. 11 Milliarden – das ist auch der volkswirtschaftliche Schaden, den die Unternehmen und der Staat jedes Jahr durch Zahlungsausfälle erleiden! Das entspricht dem Jahresumsatz der Swisscom.»

Eine gigantische Summe, gegen die Egeli ankämpft. Am meisten helfe die Prävention. Ziel sei es, gar nicht erst in die ungemütliche Lage zu kommen, offene Forderungen eintreiben zu müssen. «Ich verstehe nicht, warum heute nicht jeder automatisch die Zahlungsfähigkeit seines Geschäftspartners prüft, bevor er eine Leistung gegen Rechnung erbringt.» Eine Firma oder eine Privatperson mit schlechter Bonität habe «logischerweise» eine viel höhere Ausfallquote. «Für die kann man trotzdem arbeiten – aber bitte nicht auf Rechnung.»

Sollte es dennoch einmal nötig sein, eine Zahlung einzutreiben, rät Egeli dringend dazu, einen Inkassospezialisten beizuziehen. Spricht man ihn auf das zweifelhafte Image dieser Berufsgruppe an – Aussendienstmitarbeiter mit Bomberjacke, Cap und Baseballschläger –, kommt Egeli so richtig in Fahrt: «Dieses Bild ist definitiv falsch. Als Inkassounternehmen sind wir in erster Linie Vermittler zwischen Gläubiger und Schuldner. Um die Gläubigerinteressen zu wahren, braucht es aber nebst guten Systemen für die reibungslose Bearbeitung der vielen Fälle vor allem gute Mitarbeitende mit dem nötigen Fachwissen rund um das Schuldbetreibungs- und Konkursgesetz.»

Ein Schreiner, eine Metzgerin oder ein Grafiker müssen nicht täglich hohe Rechnungen eintreiben. «Sie haben dafür kein Fachwissen», sagt Egeli, «und es ist komplex, denn einerseits steht oft die eigene Existenz auf dem Spiel, andererseits will man die Beziehung zum Schuldner nicht zerstören, sondern auch in Zukunft wieder für ihn arbeiten». Aus diesen Gründen sei eine externe Unterstützung angezeigt, auch um die Emotionen aus dem Spiel zu halten.

Raoul Egeli ist Präsident von Creditreform Schweiz (gegründet 1888). Er ist auch Präsident von Creditreform International e.V., dem Verband mit 21
Landesgesellschaften. Welche kulturellen Unterschiede beobachtet er bei der Zahlungsmoral? «In Osteuropa hat der Krieg die Zahlungsfähigkeit der Firmen stark beeinflusst», so Egeli. «In Südeuropa sind die Zahlungsfristen ohnehin viel länger. Der Norden ist uns aber punkto Gläubigerschutz voraus, das zeigt sich in kürzeren Zahlungsfristen.» Neben diesen beiden Funktionen ist Egeli Präsident und Geschäftsführer der Familienholding, der Egeli Gruppe. Mitten im Zweiten Weltkrieg von Grossvater Egeli gegründet, umfasst sie heute elf Firmen in vier Sparten an sechs Standorten. Die 220 Mitarbeitenden erwirtschaften einen Jahresumsatz von 45 Millionen Franken. Für die meisten Menschen wären das genug Hüte. Nicht für Raoul Egeli: Er ist auch leitender Geschäftsführer von fünf lokalen Creditreform Egeli Gesellschaften, Vizepräsident von Inkasso Suisse, Mitglied der Gewerbekammer und so weiter. Zudem schreibt er Fachartikel und Bücher.

Der Firmensitz thront am Fusse des St. Galler Stadthügels Bernegg und Raoul Egeli ist regelmässiger Gast im Prominentenverzeichnis «Who is Who». Doch die vielen Engagements und das geschmeidige Auftreten führen auf die falsche Fährte: Egeli ist ein Kämpfer und vor allem ein politischer Kopf. Allerdings nicht als Parteimitglied. Viel lieber politisiert er auf der Sachebene und versucht, über Gremien Einfluss zu nehmen. Seine Themen: weniger Bürokratie. Und: mehr Gläubigerschutz. Die Betreibungskosten etwa seien so hoch, dass kleine Forderungen gar nicht erst betrieben werden.
Die Unternehmen schreiben sie einfach ab und die zahlenden Kundinnen und Kunden müssen diese tragen. «Das kann doch nicht sein», empört er sich.

Eine letzte Frage: «Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal vergessen, eine Rechnung zu bezahlen?» Egeli überlegt lange. «Das ist mir leider auch schon passiert und es war mir sehr unangenehm. Deshalb bezahle ich jeweils lieber sofort – auch wenn es wirtschaftlich besser wäre, zu warten.»

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