Geschäftsberichte gehen uns alle etwas an, aber wie lese ich sie richtig?

Geschäftsberichte gehen uns alle etwas an, aber wie lese ich sie richtig?

Wer in Aktien investiert, hält selbstredend Anteile eines Unternehmens. Wie aber bleibt man über dessen Geschäftsgang auf dem Laufenden? Lesen Sie warum Geschäftsberichte weit mehr über ein Unternehmen verraten als nackte Zahlen.

Die meisten Leute interessieren sich erst dann für die Geschäftsberichterstattung von Unternehmen, wenn sie überlegen, in Aktien zu investieren. Ein Grundlagenwissen über die Geschäftsberichterstattung lohnt sich aber für alle, denn praktisch alle erwachsenen Bürgerinnen und Bürger eines Landes haben – mindestens indirekt – ihr Geld in Unternehmen investiert. Die öffentliche Altersvorsorge wie auch private Pensionskassen investieren das Vorsorgegeld ihrer Versicherten in Aktien, Fonds, und verschiedene weitere Instrumente. 

Wo finde ich Informationen zu einem börsenkotierten Unternehmen?

Wenn man sich sachlich und selbstständig über den Geschäftsgang eines börsenkotierten Unternehmens informieren will, so sucht man am besten dessen Website auf. Unter dem Begriff «Investor Relations» oder «Investoren» findet sich ein dedizierter Bereich mit den relevanten Dokumenten und Informationen. Bei Konzernen ist dieser auf Gruppenstufe platziert, bei Google zum Beispiel bei der Muttergesellschaft Alphabet oder bei Nestlé nicht bei Nestlé Schweiz, sondern auf der Gruppenwebsite Nestlé.com. Der Bereich findet sich meist leicht über die Navigation oder die Links ganz unten auf der Startseite.

In der Schweiz ist Englisch eine offiziell anerkannte Sprache der Geschäftsberichterstattung. Viele Unternehmen bieten darum gewisse Teile ihrer Berichterstattung nur in Englisch an. Es lohnt sich also, die wichtigsten Zahlenbezeichnungen in Englisch zu kennen. 

Was sind die wichtigsten Kennzahlen eines Unternehmens?

Die Veröffentlichung des Jahres- und Halbjahresberichtes gehört zu den wiederkehrenden Pflichten von börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz, und in ähnlicher Form an allen Börsenplätzen. Viele grosse Unternehmen veröffentlichen auch Quartalszahlen.

Kerninhalte der Geschäftsberichterstattung sind Angaben zur Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie detaillierte Aussagen zur Unternehmensführung, der Corporate Governance. Die meisten Unternehmen weisen in einer Übersicht im Geschäftsbericht sogenannte Haupt-Kennzahlen aus, in Englisch: Key Figures. Neben Umsatz und Gewinn gehören dazu in der Regel der EBIT und der EBITDA. EBIT steht für Earnings Before Interest and Taxes, EBITDA für Earnings Before Interest and Taxes, Depreciation and Amortization. Ersteres lässt sich in Deutsch übersetzen mit Ergebnis vor Zinsen und Steuern, zweiteres ist das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen auf immaterielle Vermögenswerte. EBIT und EBITDA sind Zwischentotale der Erfolgsrechnung. Sie lassen Rückschlüsse auf den Zahlungsmittelüberschuss (Cashflow) zu. Die Geldflussrechnung sollte jedoch separat dazu betrachtet werden. Des Weiteren finden sich auf der Seite weitere relevante Kennzahlen, die je nach Branche auch variieren können.

Für deutsch- oder französischsprachige Investierende empfiehlt sich für eine Vertiefung zu den Kennzahlen und zum Kontext der jeweiligen Kennzahlen im Zeitverlauf die Publikation «Geschäftsberichte lesen und verstehen» von KPMG Schweiz. Die Publikation ist kostenlos verfügbar und wird auch von verschiedenen Schweizer Universitäten empfohlen. In Englisch und weiteren Sprachen sind zudem diverse Online-Formate verfügbar wie beispielsweise investopedia.com

Was sind Vorwort und Lagebericht?

Zahlen sind Momentaufnahmen zu bestimmten Zeitpunkten. Wirklich spannend sind sie erst im Vergleich mit den Vorperioden und in Kontext gesetzt. So können zum Beispiel grössere Investitionen kurzfristig zur Folge haben, dass der Gewinn sinkt. Im Lagebericht kann man sich davon ein Bild machen und damit einhergehende Chancen für die Zukunft beurteilen. Tätigt ein Unternehmen einen grösseren Zukauf, steht danach die Integrationsphase an, die Zahlen werden entsprechend angepasst um die Vergleichbarkeit mit der Vorperiode zu gewährleisten.

Um sich einen Überblick zu verschaffen, sollte man zuerst das Vorwort des Berichts lesen, meist «Brief an die Aktionärinnen und Aktionäre» genannt. Darin erklärt die Präsidentin oder der Präsident des Verwaltungsrates zusammen mit der oder dem CEO des Unternehmens die wichtigsten Punkte und setzt die Hauptbotschaften zum Jahr. Oft gibt es noch einen Kommentar zu den Finanzen oder zur Strategie. Angaben zur Corporate Governance und – je nach Vorschriften – zur Vergütung finden sich ebenfalls in separaten Kapiteln im vorderen Teil des Berichts.

Es bietet sich an, die leitenden Personen des Unternehmens genauer anzuschauen – sie müssen mit Lebenslauf und Leistungsausweil aufgelistet sein – entweder im Bericht oder mit Verlinkung auf die Website. Möchte man bestimmte Zahlen detaillierter verstehen, so finden sich zu allen wichtigen Punkten Hinweise in den jeweiligen Notizen (Notes/Fussnoten) im Finanzbericht. Die Notes sind nicht etwa eine unwichtige Zusatzinformation, sondern integraler Bestandteil des Finanzberichts. 

Was ist die Guidance?

Am Ende des Vorworts oder des Lageberichts, manchmal auch am Ende des Kapitels zur Strategie, präsentieren die meisten kotierten Unternehmen ihren Ausblick für die Zukunft. Geben sie dabei eine Prognose für konkrete Zielgrössen an, spricht man von Guidance. Wenn ein Unternehmen im Verlauf des Geschäftsjahres feststellt, dass die Resultate in signifikanter Weise unter der Guidance zu liegen kommen werden, muss es die Aktionärinnen und Aktionäre über eine Ad-Hoc Meldung aktiv informieren. In einer Studie zur Guidance bei den grössten in der Schweiz kotierten Unternehmen (SMI Expanded) stellte das Beratungsunternehmen IRF fest, dass die überwiegende Mehrheit zukunftsgerichtete Zielgrössen in die Jahresberichterstattung 2022 integrierte. Die häufigsten Zielgrössen sind dabei Umsatz und operatives Ergebnis (EBIT/EBITDA). Bei kleineren Unternehmen, die nur einen Minderheitenanteil ihrer Aktien im aktiven Handel haben und ansonsten fest über Ankeraktionäre getragen werden, ist die Guidance in der Regel weniger verbreitet und ausgeprägt. 

Was beinhaltet der Nachhaltigkeitsbericht?

Der Nachhaltigkeitsbericht ist entweder bereits im Hauptgeschäftsbericht integriert, oder wird separat publiziert. Ab dem Geschäftsjahr 2023 ist er auch in der Schweiz Pflicht. Durch die EU-Regulierungen im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung gibt es einen klaren Trend, den Nachhaltigkeitsbericht im Geschäftsbericht zu integrieren. Wer mehr zur Belegschaft, zur Interaktion des Unternehmens mit seinem Umfeld und zu den Umweltfaktoren wissen möchte, liest auch den Nachhaltigkeitsbericht. Hier erfahren Investierende, ob und wie das Unternehmen Umweltrisiken wie beispielswiese den Klimawandel bewertet. Das Unternehmen weist aus, was die grössten Wirkungen auf seine Umwelt sind, und erklärt mehr dazu, wie es sein Geschäft in eine nachhaltige Wirtschaft der Zukunft überführt.

Welche Dokumente sind für Investierende ausserdem relevant?

Neben den Geschäfts- und dem Nachhaltigkeitsbericht finden sich auf der Webpage für Investorinnen und Investoren diejenigen Medienmitteilungen des Unternehmens, die potenziell kursrelevante Tatsachen enthalten. Das sind zum Beispiel strategisch relevante Neuigkeiten, Veränderungen in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung, Meldungen zu Finanzergebnissen und zur Guidance sowie Abweichungen von dieser (z.B. Gewinnwarnungen). Investierende können diese Meldungen über einen Newsletter abonnieren und erhalten so relevante Meldungen (auch Ad-Hoc Meldungen) automatisch zugestellt.

Auch interessant sind die Medien- und Investorenpräsentationen, die ebenfalls in diesem Teil der Website zu finden sind. Sie fassen den Geschäftsbericht oder den Inhalt von Veranstaltungen für Investierende zusammen. In all diesen Formaten, wie auch in der Geschäftsberichterstattung ist das oberste Gebot, die verschiedenen Anspruchsgruppen sachlich über den Geschäftsgang zu informieren.