Karina Storinggaard: Nun, ein Grund dafür ist, dass uns auf Unternehmensebene viele Jahre die Daten fehlten, um zu evaluieren, wo das Geschlechterverhältnis tatsächlich ausgewogen ist oder wer Initiativen zur Förderung von Gleichstellung ergriffen hat. Erst in den letzten Jahren hat sich die Datenlage verbessert. Ein anderer Grund ist, dass Gleichstellung offensichtlich ein sehr emotionales und schwierig zu bearbeitendes Thema ist. Und es passt nicht zu der Art, wie wir bisher investieren, nämlich sehr kurzfristig. Gender Lens Investing ist langfristig. Sie werden da nicht schon im nächsten Quartal eine Performance sehen.
Dr. Tillmann Lang: Entgegen der landläufigen Meinung sind Investoren auch nicht ganz so rational. Die Daten sprechen für Gender Lens Investing, und der Investment Case scheint eindeutig. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Menschen tatsächlich investieren. Es gibt viele Beispiele für irrationales Anlegerverhalten. So gehört es beispielsweise zum Einmaleins des Investierens, zu diversifizieren, eine langfristige Perspektive einzunehmen und nicht zu versuchen, den Markt zu timen. Selbst viele sachkundige Anleger halten sich aber nicht an diese Grundregeln und haben dann nur Kosten und eine unterdurchschnittliche Performance. Es ist wichtig, Studien zu lesen. Aber es reicht nicht aus, um eine kritische Masse zu erreichen. Über die verhaltenstheoretische Begründung könnten wir wahrscheinlich einen ganzen Abend lang diskutieren.
Marion Leslie: Den grössten Einfluss haben aber meines Erachtens Vermögensverwalter und institutionelle Investoren. Sie haben erkannt, dass der Business Case eine diverse Führungsstruktur stützt, weil dies bessere Geschäftsergebnisse und eine bessere Corporate Governance zur Folge hat. Sie unterstützen deshalb zunehmend den gesellschaftlichen Imperativ. Sie werden gegen Organisationen stimmen, welche die Vielfaltskriterien ihrer Investment Policy nicht erfüllen, oder sogar aktiv desinvestieren. Einige Vermögensverwalter treffen sogar die C-Suite, um den veröffentlichten Diversitätsdaten auf den Zahn zu fühlen. Wenn der weltgrößte Vermögensverwalter einen solchen Ansatz verfolgt, kann das eine grosse Wirkung haben.