Ist Homeoffice besser für das Klima?


Ist Homeoffice besser für das Klima?

Homeoffice: Für viele ein Segen, für andere ein Fluch. Und für das Klima? Dr. Jan Bieser, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut, verrät im Interview, welche Auswirkungen Homeoffice auf unsere Umwelt hat und wie Unternehmen Remote Work möglichst klimafreundlich gestalten können.

Jan Bieser, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit den Auswirkungen von Homeoffice auf die CO2-Emissionen auseinandergesetzt. Gibt es eine einfache Antwort darauf, ob Homeoffice besser fürs Klima ist?

Als Wissenschaftler muss ich jetzt eigentlich sagen: Es kommt darauf an. Aber wenn man Homeoffice richtig gestaltet, dann ja. Wenn man auf ein paar Dinge achtet, ist Homeoffice besser für das Klima als der Zustand vor der Pandemie, als die Mehrheit der Arbeitnehmenden fünf Tage die Woche mit dem Auto zur Arbeit gependelt ist.

Wenn vermehrt auf Homeoffice gesetzt wird, steigen die Emissionen bei den Mitarbeitenden zu Hause. Ist das nicht kontraproduktiv?

Um wie viel der Energieverbrauch in den Haushalten durch Homeoffice steigt, hängt von mehreren Faktoren wie der Heizungsanlage und der Anwesenheit anderer Personen zu Hause ab. In der Stadt Zürich ist der Stromverbrauch der Haushalte im Pandemiejahr 2020 um 6 % gestiegen. Heizenergie ist da allerdings noch nicht enthalten. Gleichzeitig war 2020 auch kein normales Jahr. Neben dem Homeoffice haben wir generell mehr Zeit zu Hause verbracht, zum Beispiel weil Restaurants und andere Einrichtungen zeitweise geschlossen waren.

So oder so, es ist wahrscheinlich, dass durch das Homeoffice mehr Energie zu Hause verbraucht wird. Deswegen ist es wichtig, dass Unternehmen gleichzeitig ihre Flächen reduzieren, damit in den Gebäuden der Energiekonsum sinkt. Wenn das gemacht wird – und gleichzeitig der Pendelverkehr abnimmt – dann trägt Home Office sicherlich zum Klimaschutz bei.

Stichwort Pendeln: Liegt der individuelle Arbeitsweg der Mitarbeitenden denn überhaupt im Verantwortungsbereich eines Unternehmens?

Ich denke ja. Die Unternehmen erwarten ja von ihren Mitarbeitenden, dass sie zur Arbeit kommen. Deshalb sollten sich Unternehmen auch damit auseinandersetzen, dass ihre Mitarbeitenden für das Pendeln keine übermässigen Treibhausgasemissionen verursachen. Zusätzlich schreibt der weltweit meistverbreitete Berichtsstandard für CO2-Emissionen (das Greenhouse Gas Protocol) Unternehmen vor, die Emissionen des Pendelverkehrs zu erfassen und darüber zu berichten.

Was können Unternehmen tun, um die Emissionen, die durch das Pendeln entstehen, zu verringern?

In der Schweiz pendelt die Mehrheit der Angestellten mit dem Auto zur Arbeit. Gleichzeitig ist das Auto das Verkehrsmittel, das die meisten CO2-Emissionen pro Kilometer verursacht. Wenn also die Emissionen durch das Pendeln gesenkt werden sollen, dann muss in erster Linie dafür gesorgt werden, dass weniger mit dem Auto gependelt wird. Stichwort Homeoffice. Zudem kann ein Unternehmen Mitarbeitende unterstützen – wenn sie zur Arbeit kommen –, auf klimafreundliche Verkehrsmittel zu setzen. Letztlich hat ein Unternehmen auch über die Standortwahl Einfluss auf die Pendelwege der Mitarbeitenden. Das ist allerdings eine langfristige Entscheidung, die von vielen weiteren Faktoren abhängt. Kurz gesagt: Es sollte weniger gependelt werden – und wenn gependelt wird, dann idealerweise über kürzere Strecken und mit klimafreundlichen Verkehrsmitteln.

Wie kann ein Unternehmen dafür sorgen, dass Mitarbeitende auf umweltfreundliche Verkehrsmittel setzen?

Indem es Programme schafft, die die Mitarbeitenden dazu anregen, zu Fuss, mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu kommen – auf jeden Fall nicht allein in einem PKW, der für vier bis fünf Personen ausgelegt ist. Das kann unterschiedlichste Formen annehmen. Beispielsweise könnte man eine Plattform für Fahrgemeinschaften schaffen. Unternehmen können auch finanzielle Anreize kreieren, etwa Zuschüsse für Fahrräder oder öV-Abos – für Firmenwagen wird das ja häufig gemacht. Das kann auch zur Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeitenden beitragen. Letztlich lässt sich viel bereits durch Aufklärung erreichen.

CO₂-Bilanz von SIX

Gemeinsam mit der Stiftung myclimate hat SIX im Herbst 2021 ihre CO₂-Bilanz überarbeitet. Ziel war es, eine solide Ausgangsbasis für die Ausarbeitung einer Klimastrategie nach internationalen, wissenschaftlichen Standards zu erarbeiten. In Übereinstimmung mit dem von Jan Bieser erwähnten Greenhouse Gas Protocol haben wir deshalb unsere Datenbasis international ausgeweitet und um Daten zum Pendelverkehr erweitert. Da berufliches Pendeln im Pandemiejahr 2021 immer noch die Ausnahme war, haben wir uns dafür entschieden, das Jahr 2019 als Berechnungsgrundlage zu verwenden. Das Ergebnis: Vor Corona hat der Pendelverkehr unserer Mitarbeitenden fast ein Viertel zu den Gesamtemissionen von SIX beigetragen. Rund 6000 Tonnen CO₂-Äquivalente produziert unser Geschäftsreiseverkehr mit Auto, Bahn, Flugzeug und öffentlichen Verkehrsmitteln. Zum Vergleich: Mit nur einer Tonne CO₂ käme eine Einzelperson mit der Bahn rund 80’000 Kilometer weit. [1]

 

[1] Quelle: Bilder: Wie viel ist eine Tonne CO2? | tagesschau.de

Bleiben wir noch beim Pendeln, allerdings über weitere Strecken. Die Mitarbeitenden von SIX sind im Jahr 2020 90 % weniger geflogen als 2019. Generell ist der Flugverkehr durch die Covid-19-Pandemie massiv eingebrochen. Welche Lehren können Unternehmen daraus ziehen?

Das ist ein gutes Beispiel. Ich gehe davon aus, dass SIX weiterhin in der Lage war, ihrem Geschäft nachzugehen?

Ja ...

Das zeigt, dass viele Geschäftsreisen, die vor der Pandemie unternommen wurden, nicht notwendig waren. Natürlich lässt sich Fliegen nicht ganz vermeiden. Ich bin auch der Meinung, dass der persönliche Kontakt wichtig ist. Aber wenn man erst mal eine Beziehung aufgebaut hat, lässt sich vieles remote machen. Mittlerweile haben wir ja die Tools dazu und wissen, wie wir sie nutzen.

Seit es wieder einigermassen möglich ist, ins Büro zurückzukehren, wird das Thema «New Work» immer präsenter. Wie wichtig ist es, dass Unternehmen entsprechende Konzepte einführen und welche Rolle sollte der Faktor Klima dabei spielen?

Es ist sehr wichtig, dass sich Unternehmen gerade jetzt damit beschäftigen. Während der Pandemie haben wir gelernt, dass flexibles Arbeiten, wenn es richtig organisiert wird, viele Vorteile mit sich bringt. Zusätzlich hat sich die Erwartungshaltung der Mitarbeitenden in puncto Flexibilität stark verändert. Von wo kann ich arbeiten? Wie selbstbestimmt kann ich meinen Arbeitsort wählen?

Für Unternehmen gilt es jetzt, geeignete Konzepte für die Zukunft zu entwickeln. Dabei sollten sowohl die Bedürfnisse des Unternehmens, der Mitarbeitenden als auch der Umwelt berücksichtigt werden. Homeoffice bietet sich da natürlich an. Wenn ich die Mitarbeitenden nicht zwinge, fünf Tage die Woche den Arbeitsweg auf sich zu nehmen – der übrigens für viele auch mit einer erheblichen mentalen und zeitlichen Belastung verbunden ist –, dann gehen soziale und Umweltaspekte Hand in Hand.

Wenn Sie bei einem Unternehmen das Sagen hätten: Wie würden Sie das optimale – möglichst klimaschonende – Bürokonzept der Zukunft gestalten?

Ich würde schauen, um wie viel wir die Büroflächen reduzieren können, ohne damit die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeitenden zu beeinträchtigen. Das gelingt durch flexible Arbeitsplätze und Open Spaces. Parallel dazu braucht es ein Buchungssystem für Arbeitsplätze sowie Schliessfächer für die Sachen der Mitarbeitenden, damit niemand zur Arbeit kommt und keinen Platz hat. Langfristig sind verteilte Co-Working-Spaces eine Option. Jeder kann dann in einem Büro in der Nähe seines Wohnorts arbeiten.

Zusätzlich sollte man Anreize für Mitarbeitende schaffen, auf klimafreundliche Verkehrsmittel zu setzen, wenn sie zur Arbeit kommen. In der Übergangszeit zum Homeoffice müssen Mitarbeitende und Führungskräfte unterstützt werden, weil neue Fähigkeiten in Bezug auf Führung, Zusammenarbeit und Organisation des Arbeitsalltags nötig werden.

New Work bei SIX

Auch SIX ist bestrebt, ihr Arbeitsmodell möglichst nachhaltig zu gestalten. Homeoffice ist bei SIX erwünscht und wird auch nach der Pandemie bleiben. Gleichzeitig versucht unser Real Estate Management, da wo es möglich ist, die Büroflächen effizienter zu nutzen. So sind die Mitarbeitenden der SIX Digital Exchange (SDX), die früher in einem separaten Gebäude gearbeitet haben, mittlerweile am Hauptsitz zu finden. In Biel läuft aktuell ein Pilotprojekt mit Co-Working-Spaces. Zudem wird auch an den Auslandstandorten stetig evaluiert, wie Büroflächen besser genutzt oder reduziert werden können.

Bei der Gestaltung der Räume findet ebenso ein Umdenken statt. Weg von Zellenbüros mit fixer Belegung, hin zu geteilten Arbeitsplätzen. Dabei wird ein «acitivity based working model» eingeführt. Das heisst, die Räume werden in Zukunft je nach Bedarf der jeweiligen Teams gestaltet.

Falls die Mitarbeitenden ins Büro kommen, fördert SIX das Pendeln mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln und zahlt ihren Mitarbeitenden eine Zulage für das öV-Abonnement.

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