In der Schweiz oder in den USA an die Börse? Diese 5 Aspekte sind entscheidend

In der Schweiz oder in den USA an die Börse? Diese 5 Aspekte sind entscheidend

Schweizer Unternehmen, die einen Börsengang planen, stehen oft vor der Entscheidung: Schweiz oder USA? Erfahren Sie, welche Schlüsselfaktoren bei dieser Wahl entscheidend sind und weshalb eine Kotierung in der Schweiz in vielen Fällen die bessere Option ist.

Wenn Schweizer Unternehmen an die Börse gehen, tun sie das ab und zu in den USA statt auf ihrem Heimmarkt. Das ist nicht nur ein schweizerisches Phänomen, sondern ein europaweites. In den vergangenen Jahren haben US-Börsen die grenzüberschreitenden Listings dominiert – dank der grossen Kapitalverfügbarkeit, der hohen Liquidität und dem Ruf, gegenüber innovativen Geschäftsmodellen besonders offen zu sein. Auch wenn diese Dynamik für bestimmte Unternehmen und Sektoren attraktiv sein kann, insbesondere für jene mit einer starken Präsenz oder Investorenbasis in den USA, stellt sie keineswegs den universellen oder optimalen Weg für alle wachstumsstarken Unternehmen dar. Um zu vermeiden, dass sich der Entscheid schliesslich als kontraproduktiv entpuppt, gilt es bei einem Listing in den USA einige Faktoren zu beachten. SIX hat die Aspekte einer Kotierung in der Schweiz und in den USA gemeinsam mit der Anwaltskanzlei Homburger bereits zum zweiten Mal in einer Publikation erarbeitet. Das sind die fünf wichtigsten Punkte: 

1. Ein IPO ist nicht überall gleich teuer

Die Kosten für einen Börsengang in den USA sind einiges höher als in der Schweiz. Die Zeichnungsgebühr, üblicherweise der grösste Kostenpunkt bei einem Initial Public Offering (IPO), beträgt in der Schweiz circa 2 bis 5 %, in den USA circa 4 bis 7 % des Transaktionserlöses. Auch die Kosten für Rechtsberatung sind für ein Schweizer Unternehmen in den USA höher, getrieben durch die höheren Gebühren der US-Anwälte und die Komplexität des regulatorischen Regimes in den USA. Bei der Schweizer Börse hängt die Höhe der Gebühren für die Kotierung und die fortlaufende Aufrechterhaltung von der Marktkapitalisierung des Unternehmens ab, während in den USA entweder eine fixe Gebühr zur Anwendung kommt oder die Anzahl der Aktien entscheidend ist. Speziell für kleinere Unternehmen kann dieser Unterschied beträchtlich sein.

Ausserdem fallen zusätzliche Offenlegungspflichten sowie der Aufbau interner Compliance‑ und Reporting‑Strukturen ins Gewicht.

2. Die Faktoren Liquidität und Bewertung bei einem Listing

Oft wird argumentiert, dass US-Börsen höhere Bewertungen garantieren. Rechnet man den verzerrenden Effekt der «Magnificent 7» – Tech-Giganten wie Nvidia oder Apple – heraus und betrachtet wachstumsbereinigte Daten, bewegen sich die Märkte in den USA und in Europa fast im Gleichklang. Es gibt einige erfolgreiche Schweizer Unternehmen, die gegenüber ihren Konkurrenten im Ausland mit einem Aufschlag gehandelt werden. Diese Prämien können in der Regel auf führende Positionen in attraktiven Nischenmärkten, starke Marken und hochwertige Produkte oder Dienstleistungen zurückgeführt werden. Letztlich hängt die Bewertung von der Qualität des Unternehmens, Branchendynamiken und der Nachfrage der Investierenden ab – und nicht vom Ort der Kotierung. Beim Vergleich der Bewertungen an den beiden Börsenplätzen ist ausserdem zu beachten, dass US-Banken aufgrund restriktiverer Marketingregeln vor dem IPO oft höhere Preisabschläge ansetzen, was den theoretischen Bewertungsvorteil weiter schmälert.

Auch beim Thema Liquidität relativiert sich der vermeintliche US-Vorteil. Grundsätzlich ist die Liquidität gemessen am Handelsumsatz an den US-Börsen grösser. Dies trifft insbesondere auf die US-Unternehmen zu. Bei ausländischen privaten Investoren (Foreign Private Issuers) hingegen ist der Unterschied kleiner – sie profitieren durch das US-Listing nicht gleichermassen von einem Liquidity Boost. Ein ausländischer privater Emittent ist ein nichtstaatliches Unternehmen, das ausserhalb der USA gegründet wurde und in den USA geschäftlich tätig ist. Ein nicht-US-amerikanisches Unternehmen kann in seinem Heimatland entweder börsenkotiert oder privat sein. Die Schweizer Börse zeichnet sich ausserdem durch vergleichsweise enge Geld-Brief-Spannen aus – also eine geringe Differenz zwischen dem höchsten Kauf und dem niedrigsten Verkaufsauftrag –, ein klares Zeichen für die Effizienz des Handelsplatzes. Ausländische Emittenten weisen in den USA typischerweise deutlich schlechtere Bid-Ask Spreads auf als vergleichbare US-Unternehmen.

Die Börsenkotierung hat unsere Sichtbarkeit erhöht und unseren Zugang zu Kapital verbessert – und damit unser Wachstum und unsere Entwicklung beschleunigt. Dieser Kapitalzugang war ein Innovationstreiber: Er ermöglichte es uns, Produkte durch die klinische Entwicklung zu führen und Spitzenkräfte zu gewinnen. Zudem sicherte er uns finanzielle Stabilität in einer Zeit beispielloser Marktvolatilität.

Patrick Amstutz, CEO Molecular Partners

3. Visibilität als Ziel einer Kotierung

Der US-amerikanische ist zwar volumenmässig grösser als der Schweizer Markt. Viele Börsengänge, insbesondere von kleineren Unternehmen, gehen jenseits des Atlantiks jedoch in der Masse unter. Aus der grossen Menge hervorzustechen, ist folglich für ein in den USA kotiertes Unternehmen die grössere Herausforderung und der Wettstreit um Kapital entsprechend intensiver.

Ein struktureller Vorteil der Schweiz zeigt sich bei der Indexaufnahme. Dank des vergleichsweisen konzentrierten Schweizer Aktienmarkts ist die Wahrscheinlichkeit für Emittenten, früh in anerkannte Indizes wie den SMI, SPI oder SLI aufgenommen zu werden, deutlich grösser. Dies erhöht die Sichtbarkeit und Nachfrage der Unternehmen bei inländischen wie internationalen institutionellen Investoren erheblich, insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung passiver Anlagestrategien und solcher, die Benchmarks replizieren. In den USA hingegen sind Leitindizes wie der S&P 500, der Dow Jones oder die Russell-Indizes oft auf US-domizilierte Unternehmen beschränkt – ausländische Emittenten werden dort typischerweise nicht berücksichtigt.

Auch die verbreitete Annahme, US-kotierte Unternehmen würden von einer besseren Abdeckung durch Analysten profitieren, relativiert sich: Grössere Unternehmen sind erfahrungsgemäss auch an der SIX Swiss Exchange ausreichend abgedeckt. Für kleinere Foreign Private Issuers ist der Unterschied minimal, da ein US-Listing ihnen keine signifikant bessere Wahrnehmung durch Analysen garantiert: Ihre Abdeckung ist mit jener von Small- und Mid-Caps in Europa vergleichbar.

Ein aktuelles Beispiel ist BioVersys (IPO Februar 2025), das sich bewusst für die Schweiz entschieden hat, um Kosten und Risiken zu minimieren und die Visibilität im Heimmarkt zu nutzen.

Als aufstrebendes Schweizer Biotech-Unternehmen in der klinischen Entwicklungsphase haben wir uns für SIX Swiss Exchange entschieden – wegen ihres Zugangs zu langfristig orientierten, qualitativ hochwertigen Investoren und eines vertrauten, unternehmerfreundlichen Umfelds. So vermeiden wir die Risiken und Kosten, die eine Börsenkotierung in den USA mit sich bringen würde.

Marc Gitzinger, Gründer und CEO von BioVersys

4. Der Zugang zu Investierenden

Der Zugang zu einem internationalen Kreis von Investierenden ist in der Schweiz und in den USA gegeben. Der US-amerikanische Kapitalmarkt gilt als der grösste und liquideste der Welt. Dementsprechend gross und divers ist auch die Basis der Anlegerinnen und Anleger. Die Schweiz ist in diesem Punkt allerdings auch nicht zu unterschätzen: Sie bietet Zugang sowohl zu einem gut kapitalisierten Kreis von Schweizer Investierenden als auch zu vielen internationalen Anlegerinnen und Anleger, die gezielt auf die öffentliche Wahrnehmung durch den europäischen Markt, geografische Diversifikation und eine der weltweit stabilsten und vertrauenswürdigsten Währungen setzen. Darunter befinden sich auch viele Investorinnen und Investoren aus den USA. Über ein sogenanntes Rule-144A-Offering können Schweizer Emittenten zudem gezielt qualifizierte institutionelle Käufer (Qualified Institutional Buyers, QIBs) in den USA ansprechen – ganz ohne aufwändige Registrierung bei der Securities and Exchange Commission (SEC). So lässt sich US-Kapital erschliessen, ohne die Kosten und die Komplexität eines vollständigen US-Listings in Kauf nehmen zu müssen. Schweizer Pensionskassen haben im Jahr 2024 über 30 % ihres Aktieninvestments in inländische Titel investiert. Dies bietet Schweizer Emittenten eine loyale und langfristige Kapitalbasis, die in volatilen Zeiten für Stabilität sorgt.

5. Rechtliche Unterschiede bei Börsengängen

IPOs unterliegen an einer US-Börse den US-amerikanischen Wertpapiergesetzen und -vorschriften, insbesondere dem US Securities Act von 1933 und dem US Securities Exchange Act von 1934. Vor einem IPO muss das Unternehmen eine Registrierungserklärung bei der SEC einreichen und den potenziellen Investorinnen und Investoren einen Prospekt gemäss dem Securities Act zur Verfügung stellen. Schweizer Unternehmen gelten in den USA in der Regel als «ausländische, private Emittenten» und müssen deshalb das Formular F-1 zur Registrierung bei der SEC einreichen – typischerweise ein langwieriger Prozess, bei dem viele Marketingaktivitäten verboten sind. Zusätzlich hat die SEC üblicherweise viele Kommentare zum Registrierungsdokument, um die sich das Management kümmern muss. In der Schweiz beschränkt sich die Kommentierung eines Prospekts im Sinn des Bundesgesetzes über Finanzdienstleistungen (Fidleg) auf Vollständigkeit, Abwesenheit von Inkonsistenzen und Verständlichkeit.

In den USA kommen typischerweise höhere Kosten für Manager-Haftpflichtversicherungen hinzu, die aufgrund des hohen Klagerisikos in den USA oft im sechsstelligen Bereich liegen und die Unternehmen mittlerweile als Budgetpunkt einberechnen müssen.

Das Wichtigste bei einem Börsengang? Eine sorgfältige Prüfung

Die USA locken unter Umständen mit guten Bewertungen, Liquidität und Offenheit gegenüber innovativen Geschäftsmodellen. Das hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass diverse europäische Unternehmen in den USA an die Börse gingen. Wer an die Börse will – egal wo –, sollte die Entscheidung strategisch treffen und alle Vorteile und Risiken sorgfältig abwägen.