Wenn Sanktionen zum Marktrisiko werden: Was die ACI Sanctions Conference für Wertschriftenmärkte zeigt

Wenn Sanktionen zum Marktrisiko werden: Was die ACI Sanctions Conference für Wertschriftenmärkte zeigt

Was bedeutet es für Kapitalmärkte, wenn Sanktionen zunehmend als Marktrisiko verstanden werden? Die ACI Sanctions Conference in Washington, D.C., hat bestätigt, was sich in der Praxis bereits abzeichnet: Sanktionen wirken heute nicht nur auf einzelne Akteure, sondern auf Marktprozesse, Portfolios und Finanzmarktinfrastrukturen. Oliver Bodmer von SIX ordnet ein, was diese Entwicklung für die Governance und die Stabilität der Wertschriftenmärkte bedeutet.


Drei zentrale Beobachtungen aus Washington, D.C.

  • Regulatoren und Marktteilnehmer verstehen Sanktionen zunehmend als dauerhaften Bestandteil des Marktgeschehens, nicht mehr als reine wiederkehrende Compliance‑Aufgabe.
  • Indirekte Exposures und komplexe Strukturen prägen das Risikoprofil stärker als einzelne Transaktionen oder Gegenparteien.
  • Wirksame Governance, belastbare Daten und nachvollziehbare Prozesse werden zu zentralen Hebeln, um Stabilität und Vertrauen unter dynamischen Sanktionsregimen zu sichern.

Ende April 2026 nahm ich im National Press Club in Washington, D.C., an der 20th Annual Flagship Conference on Economic Sanctions Enforcement and Compliance des American Conference Institute (ACI) teil. Jährlich diskutieren hier Aufsichtsbehörden, politische Entscheidungsträger und Finanzinstitute über die wichtigsten Entwicklungen bei der Durchsetzung von Sanktionen, Exportkontrollen und Compliance. Ich war Teil eines Panels der Wertschriftenbranche, in dem es um Gatekeeper, Portfolio-Screening und die wachsenden Anforderungen an den Umgang mit sanktionierten Wertschriften ging.

Die zwei Konferenztage haben bestätigt, wie stark sich der Blick auf Sanktionen verändert und wie systematisch sich ihre Durchsetzung weiterentwickelt. Besonders stark präsent waren die USA: Neben dem Department of the Treasury und dem Office of Foreign Assets Control (OFAC) waren auch das Department of Commerce, das Department of Justice und das Department of Defense vertreten. Das unterstreicht, wie eng Finanzsanktionen, Exportrestriktionen und nationale Sicherheitsfragen inzwischen zusammenhängen.

Sowohl die Regulatoren aus den USA als auch jene aus dem Vereinigten Königreich und der EU vermittelten eine klare Botschaft: Sanktionen sind keine statische Compliance-Verpflichtung mehr, sondern ein fortlaufendes Marktrisiko.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in Kapitalmärkten und bei Investitionen. Daher möchte ich in diesem Beitrag einige Beobachtungen und Schlussfolgerungen teilen.

Warum werden Sanktionen zum Marktrisiko?

Sanktionen werden zum Marktrisiko, weil sie heute Handelsfähigkeit, Portfoliostrukturen, operative Prozesse und die Marktstabilität beeinflussen können.

Das wurde in Washington besonders deutlich. Die Konferenzteilnehmenden diskutierten Sanktionen nicht mehr isoliert als regulatorische Vorgabe, sondern im Kontext von Risikomanagement, Marktstabilität und Governance. Wenn eine Person, ein Unternehmen oder ein Finanzinstrument neu auf eine Sanktionsliste gesetzt wird, kann sich das direkt auf die Märkte auswirken: Positionen lassen sich unter Umständen nicht mehr handeln, bewerten, liquidieren oder operativ wie bisher behandeln – auch dann nicht, wenn die unmittelbare Kundenbeziehung unverändert bleibt.

Damit wirken Sanktionen direkt auf die Funktionsfähigkeit und Stabilität von Märkten. Sie beeinflussen mit, ob Märkte auch unter geopolitischem Druck transparent, berechenbar und vertrauenswürdig funktionieren.

Diese Perspektive hat Konsequenzen. Wenn Sanktionen Teil der Marktmechanik werden, reicht ein episodischer Compliance‑Ansatz nicht mehr aus. Stattdessen müssen Marktteilnehmer die Risiken kontinuierlich über Handels‑, Portfolio‑ und Infrastrukturprozesse hinweg identifizieren, bewerten und steuern. Die Herausforderung ist also nicht, ob Kontrollen existieren, sondern ob die Risiken jederzeit präzise identifiziert, bewertet und nachvollzogen werden können. Das unterstützt Transparenz, Stabilität und Vertrauen – auch unter dynamischen Rahmenbedingungen.

Warum rücken Wertschriftenmärkte und ihre Gatekeeper stärker in den Fokus?

In Wertschriftenmärkten entstehen Sanktionsrisiken nicht nur über direkte Kundenbeziehungen. Sie können auch über Instrumente, Intermediäre, Fondsstrukturen oder Portfolio-Exposures in Marktprozesse hineinwirken. In Washington standen genau deshalb unter anderem Broker-Dealer, Verwahrstellen, Fondsstrukturen und Plattformen verstärkt im Zentrum der Diskussion. Diese sogenannten Gatekeeper sind Akteure, die Transaktionen, Instrumente oder Exposures im Wertschriftenmarkt ermöglichen, verarbeiten oder kontrollieren.

Besonders anspruchsvoll ist, dass diese Risiken auch durch scheinbar passive Funktionen entstehen können: etwa durch Ausführung, Verwahrung, Clearing, Portfolioverwaltung oder automatisierte Plattformprozesse. Sanktionen werden hier nicht nur als rechtliche Vorgabe verstanden, sondern als Faktor, der die Marktintegrität und Fairness unmittelbar beeinflusst.

Für Marktteilnehmer verschiebt sich damit die Verantwortung. Sie müssen regulatorische Anforderungen stärker als Teil ihrer Marktfunktion begreifen und nicht nur als interne Kontrollaufgabe.

Wie prägen indirekte Exposures Sanktionsrisiken in Wertschriftenmärkten?

Ein wiederkehrendes Thema in Panels und Fachgesprächen war der Umgang mit indirekten Exposures. Gemeint sind Sanktionsrisiken, die nicht aus direkten Transaktionen oder klar identifizierbaren Gegenparteien entstehen, sondern auf Instrument-, Fonds- oder Indexebene sichtbar werden. Ein Fonds- oder ETF-Emittent kann beispielsweise selbst nicht auf einer Sanktionsliste stehen. Das Investmentvehikel kann aber börsengehandelte Instrumente enthalten, die unter ein Sanktionsregime fallen.

Gerade bei fonds-, index- oder strukturbezogenen Exposures kann sich das Risikobild dadurch abrupt verändern, ohne dass sich die unmittelbare Kundenbeziehung selbst gewandelt hat. Erschwerend kommt hinzu, dass Intermediäre oder Umgehungsmuster die wirtschaftlichen Verknüpfungen und Exposures verschleiern können.

Aus meiner Sicht markiert das einen grundlegenden Wandel. Klassische KYC-Ansätze bleiben notwendig, reichen allein aber nicht aus, wenn Risiken auf Instrument-, Fonds- oder Indexebene entstehen. Damit verschiebt sich der Fokus von der isolierten Gegenparteiprüfung hin zu einem tiefen Verständnis von Referenzen, Strukturen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Gerade in wertschriftenbasierten Geschäftsmodellen wird es entscheidend, Verknüpfungen zu verstehen und Abhängigkeiten über mehrere Ebenen hinweg transparent zu machen.

Diese Komplexität prägt moderne Kapitalmärkte strukturell und zwingt auch Marktinfrastrukturen, sie in ihren Prozessen zu adressieren.

Was bedeutet wirksame Governance bei Sanktionen?

Wirksame Governance bedeutet nicht einfach, Kontrollen zu dokumentieren, sondern Massnahmen zu ergreifen, die im Marktalltag nachweisbar wirksam sind. In vielen Diskussionen wurde deutlich, dass die Regulatoren zunehmend regelmässiges Testing, klare Verantwortlichkeiten und Ownership durch das Management erwarten. Isolierte Kontrollen reichen nicht. Sanktionen müssen stärker als Bestandteil von Steuerung, Risikoverantwortung und Eskalation betrachtet werden.

Dieser Fokus passt auch zu den bereits bekannten Grundpfeilern wirksamer Sanktionsrahmen, die Management Commitment, Risk Assessment, Internal Controls, Testing und Auditing sowie Training umfassen.

Für mich ist es ein zentraler Punkt, dass Sanktionen sichtbar auf die Ebene von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat rücken. Für Marktteilnehmer zählt damit weniger, ob sie Prozesse dokumentieren, sondern ob diese Prozesse unter realen Marktbedingungen belastbar funktionieren. Dafür braucht es saubere Daten, klar definierte Prozesse und skalierbare Automatisierung. 

Welche Rolle spielen Finanzmarktinfrastrukturen bei Sanktionen?

Vor diesem Hintergrund übernehmen Finanzmarktinfrastrukturen eine besondere Rolle. Sie stehen an der Schnittstelle zwischen regulatorischen Anforderungen und operativen Marktprozessen und tragen dazu bei, Komplexität in klare Prozesse zu übersetzen. Gerade aus Sicht einer Finanzmarktinfrastruktur zeigt sich, wie wichtig es ist, dass regulatorische Daten aktuell, qualitativ hochstehend und nachvollziehbar sind.

Für Finanzmarktinfrastrukturen werden im Sanktionsumfeld zunehmend vier Fähigkeiten zur Grundanforderung:

  • Aktualität: Regulatorische Änderungen müssen zeitnah und konsistent in Marktprozesse einfliessen.
  • Look-Through-Transparenz: Risiken lassen sich nur erkennen, wenn Daten über Emittenten, Vehikel wie strukturierte Produkte, ETFs und Fonds und zugrunde liegende Exposures hinweg verknüpft werden können.
  • Nachvollziehbarkeit: Vertrauen entsteht dort, wo Entscheidungen erklärbar und Prozesse überprüfbar sind.
  • Standardisierung und Skalierbarkeit: Wachsende Datenmengen und regulatorische Dynamik erfordern Strukturen, die konsistent, belastbar und über unterschiedliche Marktkontexte hinweg anwendbar bleiben.

Technologie und Automatisierung können dabei unterstützen. Sie ersetzen aber nicht eine klare Datenlogik, wirksame Governance und überprüfbare Entscheidungswege.

Aus meiner Sicht sind diese Aspekte eng mit Marktstabilität, Resilienz und regulatorischer Glaubwürdigkeit verbunden. Datenmodelle, die Sanktionsinformationen mit Finanzinstrumenten, Exposures und Jurisdiktionen verknüpfen können, sind entscheidend.

Wie wirken parallele Sanktionsregime auf europäische Wertschriftenmärkte?

Parallele Sanktionsregime erhöhen für europäische Wertschriftenmärkte den Bedarf an konsistenten Daten, klarer Priorisierung und nachvollziehbarer Governance. Finanzinstitute müssen Risiken über verschiedene, teils divergierende Rechtsrahmen hinweg bewerten.

Besonders anspruchsvoll wird das bei Wertschriften, Fondsstrukturen und indirekten Exposures, die über mehrere Jurisdiktionen hinweg wirken. Finanzinstitute und Marktinfrastrukturen müssen unterschiedliche regulatorische Anforderungen deshalb in ein belastbares Gesamtbild überführen.

Die Diskussionen in Washington haben gezeigt: Auch wenn rechtliche Unterschiede bestehen bleiben, ist eine Konvergenz regulatorischer Erwartungen klar erkennbar – insbesondere in Bezug auf Governance, Transparenz und Monitoring.

Was ich von der ACI Sanctions Conference in Washington mitnehme

Für mich bleibt auch nach der Konferenz klar:

  • Sanktionen entwickeln sich zu einem dauerhaften Marktrisiko.
  • Finanzsanktionen, Exportrestriktionen und nationale Sicherheitsfragen werden zunehmend zusammengedacht.
  • Indirekte Exposures prägen zunehmend das Risikoprofil.
  • Kontinuierliche Transparenz ist entscheidender als punktuelle Prüfungen.
  • Governance und Testing werden zu zentralen Steuerungsinstrumenten.
  • Finanzmarktinfrastrukturen tragen wesentlich dazu bei, Stabilität und Vertrauen operativ abzusichern.

Wer Sanktionen weiterhin primär als Dokumentations- oder Policy-Thema behandelt, unterschätzt ihre Wirkung auf Marktprozesse und Risikosteuerung. Finanzinstitute, Marktinfrastrukturen und Aufsichtsbehörden können Sanktionen wirksam steuern, wenn sie diese als Teil des Marktgeschehens verstehen – und sie entsprechend in Prozesse, Datenmodelle und Governance einbetten.