Inhaltsverzeichnis
- Börsenhöchststände vs. die geopolitische Lage
- Digitalisierung und Automatisierung als Quelle fundamentaler Unsicherheit?
- Kommt es 2026 zum finanziellen Kollaps einzelner Staaten?
- Einschätzung des Schweizer BIP-Wachstums
- Droht 2026 das Ende der Schweiz als Pharmastandort?
- Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» und die Wirtschaft
- Kann man sich weiterhin auf die Schweizer Stabilität verlassen?
- Welche Fehler sollten Anlegerinnen und Anleger 2026 vermeiden?
Prof. Dr. Tobias Straumann
Tobias Straumann ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich und Leiter des MAS in Applied History. Sein Spezialgebiet ist die europäische Finanz- und Währungsgeschichte. Zu seinen zuletzt erschienenen Publikationen gehört «Paria inter Pares: Das Ende der Bank Wegelin» (zusammen mit Dagmar Schönig), 2003 im Stämpfli Verlag erschienen.
Wir erleben eine paradoxe Situation: Die Börsen befanden sich zuletzt in einem Hoch. Gleichzeitig ist die geopolitische Lage angespannt, viele Menschen sind pessimistisch. Wie ist Ihre Stimmung mit Blick auf 2026?
Ich bin vorsichtig optimistisch. Euphorie halte ich ebenso für übertrieben wie den derzeit weitverbreiteten Pessimismus.
Die aktuell steigenden Kurse beruhen vor allem auf der Hoffnung auf künftige Renditen aus Titeln im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Das wird sich früher oder später abkühlen. Und der Pessimismus gegenüber der Weltlage ist – offen gesagt – für mich schwer auszuhalten, weil er historisch schlicht falsch ist.
Was wir derzeit erleben, ist aus historischer Sicht völlig normal. Es gab immer Unsicherheit, Unklarheit und schwere Konflikte, auch in den letzten 30 Jahren, die aus heutiger Sicht als stabile Zeit verklärt werden: Denken wir nur an den Jugoslawienkrieg in den 1990er-Jahren, die Börsencrashs von 2001 und 2008, die Irak-Invasion oder Covid.
Verglichen mit wirklich dramatischen Zeiten ist die Welt heute nicht gänzlich aus den Fugen. Wir erleben lokal begrenzte Krisen, die durchaus auch rasch beendet werden könnten. Sollte der Ukraine-Krieg etwa in diesem Jahr beigelegt werden, könnte sich die Stimmung sehr schnell aufhellen.
Viele empfinden die Digitalisierung und Automatisierung zusätzlich als Quelle fundamentaler Unsicherheit.
Auch dafür gibt es historisch gesehen keinen Grund. Technologische Revolutionen haben immer wieder Ängste vor Massenarbeitslosigkeit ausgelöst – und die Menschen lagen mit ihren Befürchtungen bisher immer falsch. Zwar sind Tausende Berufe verschwunden, darunter auch hochqualifizierte, aber es sind auch viele neue Berufe entstanden.
Der globale Wettbewerb zwingt zu permanenter Effizienzsteigerung. Trotzdem erleben wir keine Massenarbeitslosigkeit. Im Gegenteil: Die Zahl der Lohnempfängerinnen und -empfänger ist in den letzten 30 Jahren von rund zwei auf drei Milliarden gestiegen. Die bezahlte Arbeit geht uns nicht aus.
Die steigende Staatsverschuldung wirkt dennoch wie ein Damoklesschwert. Droht 2026 der finanzielle Kollaps einzelner Staaten?
Kurzfristig kann man das ausschliessen. Die hohe Verschuldung ist beunruhigend, aber die Regierungen haben noch Zeit. Zudem braucht es keinen finanzpolitischen Kahlschlag, sondern lediglich eine Kurskorrektur.
Auch hier lohnt sich der Blick in die Geschichte. Nach den Napoleonischen Kriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Staatsverschuldung Grossbritanniens bei rund 260 % des BIP. In beiden Fällen wurden die Schulden wieder deutlich reduziert. Es ist also möglich.
Für die Schweizer Wirtschaft erwarten Ökonomen 2026 ein BIP-Wachstum von rund 1 %. Teilen Sie diese Einschätzung?
Man muss zwischen Binnen- und Exportwirtschaft unterscheiden. Die Binnenwirtschaft hängt stark vom Konsum ab – und dieser wiederum von der Zuwanderung. Bleibt diese hoch, läuft die Binnenwirtschaft gut.
Ein Wachstum von 1 % ist bescheiden, aber es ist nur eine Prognose. Ich halte positive Überraschungen für möglich. Vor allem durch die USA. Dort sind ab Anfang Jahr Steuersenkungen in Kraft getreten, es herrscht Aufbruchstimmung. Das dürfte auch der Weltwirtschaft und dadurch der Schweizer Exportindustrie Rückenwind geben. Für Teile der Exportwirtschaft dürfte es hingegen schwieriger werden: wegen der US-Zölle, der Schwäche Deutschlands und des starken Schweizer Frankens.
Besonders im Fokus der Zolldebatte steht die Pharmaindustrie. Droht 2026 der Anfang vom Ende der Schweiz als Pharmastandort?
Nein, so pessimistisch bin ich nicht. Das Wachstum dürfte weniger spektakulär ausfallen als in den letzten 20 Jahren, aber ein Exodus ist nicht zu erwarten. Eher sehe ich eine schrittweise Verlagerung. Viele Investitionen in den USA waren ohnehin geplant. Klar ist aber: Die Schweiz wird als Produktionsstandort an Bedeutung verlieren. Umso wichtiger ist es, bei Forschung und Entwicklung führend zu bleiben und die Rahmenbedingungen zu verbessern.
2026 stimmt die Schweiz über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ab. Würde ein Ja der Wirtschaft schaden?
Es hängt davon ab, wie das Parlament die Initiative umsetzen würde. Bei der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative von 2014 verzichtete das Parlament auf eine angemessene Umsetzung. Das war im Sinn der Wirtschaft, richtete aber grossen innenpolitischen Schaden an. Ich vermute, das Parlament wird wieder ähnlich reagieren, aber dann werden die neuen EU-Verträge ganz sicher abgelehnt.
Die Schweizer Börse gilt als realistisch, der Franken als sicherer Hafen. Bleiben diese Stabilitätsanker verlässlich?
Ja. Sollte allerdings eine Tech-Blase in den USA platzen, würde das auch die Schweiz treffen. Das wäre aber eher mit dem Ende der Dotcom-Blase 2001 vergleichbar – und nicht so heftig wie die Immobilien- und Finanzkrise von 2008.
Derzeit sehe ich bei Immobilien keine akute Gefahr. Dafür müsste das Bevölkerungswachstum über mehrere Jahre stark abbremsen. Selbst dann wäre ein deutlicher Preisrückgang nicht sicher, weil die Leerwohnungsquote sehr tief ist.
Welche Fehler sollten Anlegerinnen und Anleger 2026 vermeiden?
Ich bin Wirtschaftshistoriker, kein Anlageberater. Aber wer am Wirtschaftswachstum teilhaben will, sollte meines Erachtens auch 2026 am Aktienmarkt investiert bleiben und nicht alles auf dem Sparkonto parken oder nur Obligationen kaufen. Zumal das Zinsniveau tief bleiben dürfte. Und wenn es an den Märkten ruckelt, gilt: Ruhe bewahren. Wir stehen mitten in einer technologischen Revolution, die Europa zunehmend erfasst. Entscheidend ist weniger, ob diese Kräfte wirken, sondern wie gut es uns gelingt, sie zu nutzen.
Eine nachhaltige Wirtschaft kann nur durch gemeinsames Handeln über Branchen hinweg erreicht werden, um Herausforderungen anzugehen und Chancen zu nutzen. SIX trägt dazu bei, die Finanzplätze der Schweiz und in Spanien zu führenden Zentren im Bereich Sustainable Finance zu machen. Dafür hat SIX eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, welche den Fortschritt hin zu einer nachhaltigen und wachstumsstarken Wirtschaft vorantreibt.
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