Handelszeiten an der Schweizer Börse: Vom Ringhandel zu Extended Trading Hours

Handelszeiten an der Schweizer Börse: Vom Ringhandel zu Extended Trading Hours

Die Handelszeiten wirken heute selbstverständlich, doch sie sind das Ergebnis einer langen Entwicklung vom Ringhandel bis zu nahezu durchgängigen Märkten. Lesen Sie in diesem Blog, wie daraus die neue verlängerte Handelszeit für strukturierte Produkte entstand.

Als an der Schweizer Börse noch der Ringhandel galt, war das Marktgeschehen stark ritualisiert: Händlerinnen und damals fast ausschliesslich Händler standen im Kreis, riefen Kurse aus und verhandelten laut. Für viele weniger liquide Titel erfolgte die Preisfeststellung oft nur einmal pro Tag, während stark gehandelte Aktien mehrere Preisfeststellungen aufweisen. Dieser Mechanismus ergab sich aus den technologischen und organisatorischen Grenzen jener Zeit: Der Parketthandel war physisch und langsam, das Auftragsvolumen konzentrierte sich auf wenige Aktien. Die Preisbildung war dadurch episodisch und nicht kontinuierlich wie im heutigen elektronischen Handel.

Elektronik beschleunigte den Börsenhandel

Mit der Elektronisierung kamen tiefgreifende Veränderungen. Als die Auftragsbücher im Jahr 1996 vollständig elektronisch und die Matching-Systeme automatisiert wurden, gewann der Markt an Geschwindigkeit. Der Handel verlagerte sich vom periodischen Ringaufruf hin zu kontinuierlichem Matching, umgeben von Auktionen zur Eröffnung und zum Schluss. Die Idee eines Börsentags wandelte sich: Heute beginnt er an der Schweizer Börse formal um 6 Uhr (Pre-Opening), das Clearing läuft von 8 bis 18.15 Uhr, und der Handel schliesst erst um 22 Uhr. Der tatsächliche Handel in der Schweiz läuft aber von etwa 9 bis 17.40 Uhr.

Der klassische Begriff «working 9 to 5» stammt nicht von der Börse, sondern eher aus der Industrie - das typische Arbeitszeitmodell in der Fabrik oder im Büro. Dennoch passt er auch zur Geschichte der Börsen: Als diese zunehmend reguliert und formalisiert wurden, setzten sich für viele Anlageklassen Handelszeitfenster von etwa 9 Uhr bis zum Nachmittag durch. Diese Stunden entsprachen dem traditionellen Tagesgeschäft und bildeten für viele Marktteilnehmende eine stabile Basis.

Handelszeiten nach Anlageklasse an der Schweizer Börse

Produkt

Erklärung des Produkts

Handelbarkeit

Handelszeiten

Anleihe

Eine Anleihe ist ein verzinsliches Wertpapier, mit dem Anlegende einem Emittenten Geld leihen.

Handelbar, aber teils Over-the-Counter mit variabler Liquidität

8.30–17.00 Uhr

Anlagefonds

Ein Anlagefonds sammelt Geld vieler Anlegenden und investiert es gemeinschaftlich nach einer bestimmten Strategie.

Handel meist zum Tagespreis über die Fondsgesellschaft; Over-the-Counter, nicht durchgehend börsengehandelt

einmal pro Tag

Aktie

Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen, der Eigentums- und Gewinnrechte verleiht.

Börsentäglich; in der Regel hohe Liquidität bei Large Caps

9.00–17.30 Uhr

ETF

Ein ETF ist ein börsengehandelter Fonds, der einen Index oder Korb von Vermögenswerten abbildet.

Börsentäglich; hohe Liquidität

9.00–17.30 Uhr

ETPs (ETNs, ETCs)

ETPs sind börsengehandelte Produkte, die die Wertentwicklung eines Basiswertes (Rohstoffe oder Indizes) nachbilden.

Börsentäglich; Liquidität abhängig von Produkt/Basiswert

9.00–17.30 Uhr

Strukturiertes Produkt

Ein strukturiertes Produkt kombiniert verschiedene Finanzinstrumente, um ein spezifisches Risiko-/Ertragsprofil zu erzeugen.

Börsengehandelt oder Over-the-Counter; Liquidität abhängig von Produkt und Emittenten

8.00–21.45 Uhr

Moderner Aktienhandel, moderne «Öffnungszeiten»

Die Eröffnung eines Handelstages erfolgt heute elektronisch um 9 Uhr, aber nicht exakt, denn sie unterliegt einer sogenannten Random Time von plus/minus zwei Minuten. Diese zufällige Verzögerung dient dazu, Kursmanipulation bei der Eröffnung zu erschweren.

Der fortlaufende Handel findet während des ganzen Tages statt, bis die Schlussauktion um 17.30 Uhr beginnt, gefolgt von einem «Trading-At-Last»-Fenster (TAL), in den Transaktionen zum offiziellen Schlusskurs durchgeführt werden können: bei Blue-Chip- und Mid-/Small-Caps bis etwa 17.40 Uhr

Anleihen: Frühe Geschäfte für institutionelle Investoren

Der Anleihenmarkt war historisch immer ein Terrain für institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Versicherungen oder Banken. Seit je startete dieser Markt sehr früh am Tag, weil grosse Akteure Zinssätze, neue Emissionen oder geldpolitische Nachrichten verarbeiten wollten. Heute eröffnet der Handel in Schweizer Staatsanleihen und Pfandbriefen um 8.30 Uhr, bevor viele Aktienbörsen starten. 

Der Handel für Anleihen basierend auf dem Schweizer Franken beginnt um 9.30 Uhr, was auf die historische Segmentierung zurückgeht. Nicht alle Anleihearten waren von Anfang an gleich stark standardisiert. Der Handel endet bei diesen «Rentenwerten» in der Regel um 17 Uhr. Das klare operative Ende für den Anleihenmarkt passt mit der Clearing-Abwicklung zusammen.

Fonds, ETFs und ETPs: Börsenkotierung trifft einstige Bankwelt

Investmentfonds wurden früher vor allem über Banken ausgegeben und man konnte sie einmal am Tag zeichnen. Heute öffnet der Handel für Fonds und insbesondere ETFs um 9 Uhr, analog zum Aktienhandel.

Die Schlussauktion bei diesen Produkten liegt zwischen 17.20 und 17.35 Uhr, je nach Segment. 

Strukturierte Produkte und Derivate: Neue Zeitlogik, alte Verknüpfung

Strukturierte Produkte, Zertifikate, Hebelprodukte und Kapitalschutz sind vergleichsweise junge Begriffe, die den Wunsch beschreiben, massgeschneiderte Risiko-/Rendite-Profile abzubilden, oft mit komplexen Modellen, die auf Underlyings beruhen. Deshalb öffnet ihr regulärer Markt, der sogenannte Price Validation Market (PVM), erst um 9.15 Uhr und schliesst um 17.15 Uhr.

Extended Trading Hours für strukturierte Produkte an der Schweizer Börse

Mit verlängerten Handelszeiten für strukturierte Produkte führt SIX ein neues Segment an der Schweizer Börse ein: Ab sofort können Anlegerinnen und Anleger strukturierte Produkte von 8 bis 21.45 Uhr handeln – fast sechs Stunden länger als bisher.

Diese Erweiterung bringt erhebliche Vorteile:

  • Für Investorinnen und Investoren: Sie können nun deutlich flexibler auf globale Marktbewegungen reagieren, insbesondere auf Ereignisse in den USA, denn der US-Markt ist bis 21.45 Uhr Schweizer Zeit geöffnet.
  • Zwei Segmente parallel: Emittenten von strukturierten Produkten können wählen, ob sie ihre Produkte entweder während der regulären Handelszeiten von 9.15 bis 17.15 Uhr oder während der verlängerten Handelszeit von 8 bis 21.45 Uhr anbieten möchten.

Handelsphase

Strukturierte Produkte mit verlängerter Handelszeit (neu seit 1.12.2025)

Strukturierte Produkte mit regulärer Handelszeit

Voreröffnung

6.00–8.00 Uhr (MEZ)

6.00–9.15 Uhr (MEZ)

Automatisierte Eröffnung (zufällige Eröffnung innerhalb von 2 Minuten)

8.00 Uhr (MEZ)

9.15 Uhr (MEZ)

Laufender Handel

8.00–21.45 Uhr (MEZ)

9.15–17.15 Uhr (MEZ)

Handelsschluss ohne Schlussauktion

21.45 Uhr (MEZ)

17.15 Uhr (MEZ)

Nachbörslicher Handel ab Handelsschluss

21.45–22.00 Uhr (MEZ)

17.15–22.00 Uhr (MEZ)

Diese Neuerung entstand nicht zufällig: SIX reagiert damit auf die immer stärkere Globalisierung der Finanzmärkte. Viele strukturierte Produkte beziehen sich auf Underlyings, die auch international gehandelt werden. Indem der Handelszeitraum ausgeweitet wird, bietet die Börse Anlegenden, Retail Brokern sowie Emittenten eine Plattform, die nicht nur Schweizer Marktzeiten bedient, sondern auch global relevant ist.

Sébastien Neukom, Head Structured Products Sales, SIX Swiss Exchange