Was ist Volatilität – und sollten Sie sich davor fürchten?

Was ist Volatilität – und sollten Sie sich davor fürchten?

Volatilität ist eine statistische Kennzahl dafür, wie stark und wie schnell der Preis eines Finanzinstruments – etwa einer Aktie, eines Indexes oder einer Anleihe – innerhalb eines bestimmten Zeitraums steigt und fällt. Sie zeigt, in welchem Umfang die Preise von ihrem Durchschnitt abweichen. In diesem Artikel erfahren Sie, was Volatilität wirklich bedeutet, warum sie entsteht, wie sie sich von dauerhaftem Risiko unterscheidet und wie Anlegerinnen und Anleger sie besser einordnen können.



Finanzmärkte lassen sich mit dem Wetter vergleichen. Manche Tage sind ruhig, andere stürmisch. Und ein einzelner regnerischer Nachmittag sagt wenig über das Klima einer Stadt aus. Ähnlich funktionieren Finanzmärkte. Preise bewegen sich ständig – manchmal in grossen, plötzlichen Ausschlägen. Ausgelöst werden sie durch Nachrichten, Stimmungen, Wirtschaftsdaten und die gemeinsamen Entscheidungen von Millionen von Marktteilnehmenden weltweit. Diese Bewegung, diese Schwankung der Preise, nennen wir Volatilität. Und wie das Wetter ist sie nicht an sich gut oder schlecht. Sie ist einfach da. Die Frage ist nicht, ob es Volatilität gibt, es wird sie immer geben, sondern wie Sie sie interpretieren und darauf reagieren.

Was ist Volatilität?

In der Finanzwelt misst Volatilität, wie stark der Preis eines Finanzinstruments – etwa einer Aktie, eines Indexes oder einer Anleihe – innerhalb eines bestimmten Zeitraums schwankt. Wenn sich Preise schnell und stark verändern, ist die Volatilität hoch. Bewegen sie sich langsam und stetig, ist sie niedrig.

Mathematisch wird Volatilität häufig als Standardabweichung der Renditen ausgedrückt. Sie zeigt, wie weit Preise typischerweise von ihrem Durchschnitt abweichen. Die Formel muss man jedoch nicht kennen, um das Konzept zu verstehen. Hohe Volatilität bedeutet schlicht: Es ist mit grösseren Ausschlägen in beide Richtungen zu rechnen.

Ein Markt kann sehr volatil sein, weil er stark steigt – oder genauso, weil er stark fällt. Eine Woche mit deutlichen Gewinnen ist ebenso «volatil» wie eine Woche mit starken Verlusten, auch wenn sich das eine wie eine gute Nachricht anfühlt und das andere wie eine schlechte.

Ist Volatilität dasselbe wie Risiko?

Das ist eine der wichtigsten Unterscheidungen beim Investieren und eine, die selbst erfahrene Marktteilnehmende manchmal verwischen: Volatilität und Risiko sind nicht dasselbe.

Volatilität beschreibt vorübergehende Preisbewegungen. Ein Finanzinstrument, das innerhalb einer Woche 20 % verliert und sich in den folgenden Monaten vollständig erholt, war volatil. Es hat Ihr Kapital aber nicht dauerhaft vernichtet. Risiko im eigentlichen Sinn bezeichnet die Möglichkeit eines dauerhaften Verlusts: investiertes Geld, das nicht zurückkommt.

Stellen Sie sich vor, Sie halten eine Aktie eines soliden Unternehmens mit echten Umsätzen, echter Kundschaft und guten langfristigen Perspektiven. Wenn diese Aktie wegen allgemeiner Marktpanik oder eines vorübergehenden wirtschaftlichen Schocks stark fällt, hat sich ihr Preis zwar bewegt, aber der zugrunde liegende Wert des Unternehmens muss sich nicht verändert haben. Die Volatilität war real. Ein dauerhafter Verlust war es nicht.

Anders ist es bei einer Investition in ein Unternehmen, das später Konkurs geht – unabhängig davon, wie stetig der Aktienkurs zuvor gefallen ist. Das ist echtes Risiko. Diese Unterscheidung zu verstehen, ist entscheidend, um in turbulenten Marktphasen einen klaren Kopf zu bewahren.

Was verursacht Volatilität am Markt?

Märkte werden von Menschen geprägt und Menschen reagieren auf Unsicherheit. Wenn neue Informationen eintreffen, die die Zukunft schwerer einschätzbar machen, passen sich Preise rasch an, weil Millionen von Anlegerinnen und Anlegern ihre Erwartungen gleichzeitig ändern.

Typische Auslöser von Volatilität an Aktienmärkten sind unerwartete Wirtschaftsdaten, etwa überraschende Inflationszahlen oder ein schwächerer Arbeitsmarktbericht als erwartet, geopolitische Ereignisse, Zinsentscheide von Zentralbanken, Unternehmenszahlen und breitere Veränderungen der Anlegerstimmung.

Manchmal steigt die Volatilität schlicht deshalb, weil die Unsicherheit zunimmt. Nicht weil tatsächlich etwas schiefgelaufen ist, sondern weil noch unklar ist, wie sich die Dinge entwickeln. Ironischerweise stabilisieren sich Märkte oft, sobald sich die Unsicherheit auflöst, selbst wenn das Ergebnis negativ ist. Denn dann können Anlegerinnen und Anleger endlich das nun Bekannte einpreisen.

Ist Volatilität gut oder schlecht?

So widersprüchlich es klingt: Volatilität kann Anlegerinnen und Anlegern zugutekommen. Wenn Preise stark fallen, werden hochwertige Anlagen manchmal günstiger gehandelt, als es ihre Fundamentaldaten rechtfertigen würden. Für langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger mit Disziplin und Geduld können solche Phasen echte Kaufgelegenheiten bieten.

Professionelle Investorinnen und Investoren beschreiben diese Dynamik häufig so: Wenn Märkte ruhig sind und Preise steigen, ist es oft schwieriger, attraktive bewertete Anlagen zu finden. Wenn die Volatilität zunimmt und die Stimmung kippt, können Anlagen mit Abschlag gehandelt werden. Warren Buffetts bekannte Feststellung, man solle ängstlich sein, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind, bringt diese Idee auf den Punkt. Auch wenn es leichter gesagt als getan ist.

Ein weiteres praktisches Instrument ist regelmässiges, konsequentes Investieren, oft auch Cost Averaging genannt. Wer in festen Abständen einen fixen Betrag investiert, kauft automatisch mehr Anteile, wenn die Preise niedrig sind, und weniger, wenn sie hoch sind. So entsteht über die Zeit ein eingebauter Mechanismus, um mit den Schwankungen der Finanzmärkte umzugehen.

Warum kurzfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger Volatilität stärker fürchten


Wenn Sie Ihr Geld in sechs Monaten wieder benötigen, spielt Volatilität eine sehr grosse Rolle. Ein starker Marktrückgang kurz vor dem Verkaufszeitpunkt macht aus einer vorübergehenden Preisbewegung einen realen, festgeschriebenen Verlust. In diesem Fall ist die Sorge völlig nachvollziehbar.

Wenn Ihr Anlagehorizont jedoch mehrere Jahre oder Jahrzehnte umfasst, etwa beim Sparen für die Pensionierung, für die Ausbildung eines Kindes oder für den langfristigen Vermögensaufbau, verändert sich die Gleichung grundlegend. Zeit gibt Märkten die Möglichkeit, sich zu erholen. Historisch haben sie genau das nach grossen Schocks immer wieder getan: nach der Finanzkrise 2008, dem Markteinbruch während der Pandemie 2020 oder nach den inflationsbedingten Turbulenzen 2022.

Historische Marktentwicklung zeigt: Nach Phasen erhöhter Volatilität haben sich Märkte langfristig immer wieder erholt. Quelle: SIX

Historische Marktentwicklung zeigt: Nach Phasen erhöhter Volatilität haben sich Märkte langfristig immer wieder erholt. Quelle: SIX

Deshalb ist der Anlagehorizont einer der wichtigsten Faktoren bei der Frage, wie viel Volatilität Sie vernünftigerweise aushalten können. Kurzfristiges und langfristiges Anlagerisiko sind tatsächlich unterschiedliche Dinge, auch wenn sie denselben Markt betreffen.

Wie sollten langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger über Volatilität denken?

Der hilfreichste Perspektivenwechsel lautet: Volatilität ist der Eintrittspreis für die Renditen, die Märkte langfristig bieten. Eine Anlage ohne Volatilität – etwa ein Sparkonto oder eine bis zur Fälligkeit gehaltene Staatsanleihe – bietet in der Regel auch eine begrenzte Rendite. Beides hängt zusammen. Wer das langfristige Wachstumspotenzial von Aktien nutzen möchte, muss auch die kurzfristigen Schwankungen akzeptieren, die damit verbunden sind.

Das heisst nicht, dass man Volatilität ignorieren sollte oder so tut, als wäre sie schmerzlos. Es ist unangenehm, wenn der Wert eines Portfolios fällt. Dieses Unbehagen ist real und menschlich. Entscheidend ist aber der Unterschied zwischen vorübergehendem Unbehagen und dauerhaftem Schaden.

Eine hilfreiche Denkübung besteht darin, zu trennen, was Sie beobachten können – zum Beispiel tägliche Preisbewegungen – und was für langfristiges Investieren wirklich zählt: die Qualität der zugrunde liegenden Anlagen, die Diversifikation Ihres Portfolios und die Tragfähigkeit Ihres langfristigen Plans. Wer sein Portfolio in volatilen Phasen täglich überprüft, gewinnt selten mehr Klarheit. Oft verstärkt es nur die Unsicherheit, ohne das Ergebnis zu verbessern.