Inhaltsverzeichnis
- Bancomat und Geldautomat: zwei Begriffe, eine Bedeutung
- Was muss ein Geldautomat heute leisten?
- Was braucht es, um einen Geldautomaten zu betreiben?
- Wie viel kostet der Betrieb eines Geldautomaten?
- Fixkostenlogik: Weniger Bezüge, höhere Kosten
- Warum Betriebskosten und Kundengebühren nicht dasselbe sind
- Mit kooperativen Modellen bleibt die Bargeldversorgung bezahlbar
Im Zahlungsverkehr haben digitale Bezahlformen das Bargeld schon weitgehend abgelöst. Trotzdem will die Schweizer Bevölkerung am Bargeld festhalten und auch künftig überall problemlos Münzen und Noten beziehen können, wie eine Umfrage der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zeigt.
Auch die Annahme des Gegenentwurfs zur Bargeldinitiative im März 2026 unterstreicht dieses Bedürfnis: Künftig hält die Bundesverfassung fest, dass der Franken die Schweizer Währung bleibt und der Bund über die SNB für eine ausreichende Bargeldversorgung sorgt. Gemeinsam mit Bund, Banken, Detailhandel und Infrastrukturbetreibern tauscht sich die SNB regelmässig am «Runden Tisch Bargeld» über die Zukunft der Bargeldinfrastruktur aus.
Wie das Schienennetz oder die Stromleitungen gehören Bancomaten und andere Geldautomaten demnach zur landesweiten Grundversorgung. Ihr Betrieb steht jedoch unter Druck: durch Sicherheitsrisiken wie Sprengungen, mögliche Versorgungslücken durch Abbau von Standorten sowie die Kostenfrage. Allerdings wirft die öffentliche Debatte unterschiedliche Kosten und Gebühren oft in einen Topf – und es bleibt unklar, wer wofür zahlt und wohin dieses Geld fliesst.
Entsprechend wenig bekannt ist, welche Prozesse und Kosten tatsächlich hinter einem Bargeldbezug am Geldautomaten stehen.
Bancomat und Geldautomat: zwei Begriffe, eine Bedeutung
Die Schweiz nutzt für Geldautomaten verschiedene Begriffe. Verbreitet ist etwa der englische Begriff ATM (Automated Teller Machine). Auch Bancomat und Postomat sind gängige Bezeichnungen. Hier gibt es allerdings Unterschiede:
- Bancomaten sind Geldautomaten, die von Banken selbst oder im Auftrag von Banken betrieben werden.
- Postomaten sind Geldautomaten, die von der Schweizer Post betrieben werden.
In der Schweiz ist der Begriff Bancomat eine geschützte Marke von SIX und über die Schweizer Sprachgrenzen hinweg verbreitet
Was muss ein Geldautomat heute leisten?
Trotz gesunkener Nutzung sind die Erwartungen an die Bargeldversorgung und somit an Geldautomaten nach wie vor hoch:
- Hohe Verfügbarkeit: Rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, verschiedene Notenstückelungen, teils auch Fremdwährungen.
- Sicherheit: Schutz vor Skimming, physischer Manipulation, Geldwäsche und Cyberangriffen.
- Komfort: Einheitliche Benutzerführung, verständliche Sprache, Barrierefreiheit.
- Freie Wahl: Bezug und Einzahlung mit Debit- und Kreditkarten oder bankeigenen Karten beziehungsweise kartenlos über QR-Codes.
Um dies effizient zu gewährleisten, setzen Schweizer Banken auf ATMfutura. Die gemeinsame Softwareplattform standardisiert die Benutzeroberfläche aller Bancomaten in der Schweiz. SIX betreibt und unterhält diese Plattform als neutrale Infrastrukturanbieterin im Auftrag der Banken.
Die Infrastruktur der Bargeldversorgung bleibt meist unsichtbar – solange sie funktioniert. Dass Bargeld jederzeit verfügbar ist, setzt jedoch einen erheblichen und kontinuierlichen Aufwand hinter den Kulissen voraus.
Was braucht es, um einen Geldautomaten zu betreiben?
Hinter jedem scheinbar einfachen Bezug am Geldautomaten stehen viele Prozesse rund um Bargeldlogistik, Technologie, Unterhalt, Sicherheit und Koordination.
Bargeld steuern und bereitstellen
- Cash Management und Forecasting: Banken steuern die Bargeldbestände so, dass pro Standort zur richtigen Zeit genügend Bargeld verfügbar ist. Präzises Planen reduziert Unter- und Überbestände und senkt damit Kosten und Risiken. Wie Forecasting, Verbuchung und Differenzenhandling organisiert sind, hängt vom jeweiligen Betriebsmodell ab.
- Bestellung und Bereitstellung von Bargeld: Banken und Infrastrukturbetreiber beziehen Noten und Münzen über die SNB und Bargeldverarbeiter. Diese sortieren und prüfen das Bargeld und bereiten es für die Befüllung vor.
- Logistik und Geldtransport: Werttransportunternehmen (WTU) wie beispielsweise Loomis bringen Bargeld unter hohen Sicherheitsauflagen zu den Geldautomaten und holen überschüssige Bestände wieder ab.
Technik, Betrieb und Sicherheit gewährleisten
- 24/7-Monitoring und -Störungsbehebung: Zentrale Leitstellen überwachen laufend Füllstände, technische Fehlermeldungen und Sicherheitsalarme. Auffälligkeiten lösen automatisiert Einsätze für Techniker- oder WTU-Teams aus.
- Gerätebeschaffung und Wartung: Hersteller und Servicepartner liefern die Geräte, führen Wartungen und Upgrades durch und beheben Störungen vor Ort. Dazu gehören auch Ersatzteile, Reinigung und Software-Updates.
- Netzwerk und Konnektivität: Geldautomaten müssen sicher und zuverlässig an Banken, Prozessoren und weitere Systeme angebunden sein, damit sich die Transaktionen jederzeit verarbeiten lassen.
- Alarmierung und Vor-Ort-Intervention: Sicherheits- und Störungskonzepte sorgen für schnelles Erkennen von Vorfällen und eine rasche Intervention vor Ort.
- Regulierung und Sicherheit: Der Betrieb unterliegt Vorgaben etwa zu Geldwäschereibekämpfung, Datenschutz und IT-Sicherheit. Fachpersonen setzen diese Anforderungen um, dokumentieren Kontrollen und begleiten Audits.
Standort und Betrieb organisieren
- Standortwahl und Infrastruktur: Ein Geldautomat braucht einen geeigneten Standort, sei es im Eigentum oder zur Miete. Entscheidend sind unter anderem Zugänglichkeit, Sicherheit und technische Voraussetzungen.
- Acquiring und Processing: Die Autorisierung und Verarbeitung der Kartentransaktionen und die Zuordnung zu den beteiligten Parteien erfolgen im Hintergrund.
- Supplier-Management: Der Betrieb eines Geldautomaten erfordert die Koordination zahlreicher Dienstleister und Lieferanten, von der Hardware über die Logistik bis zur Wartung.
- Marketing und Kommunikation: Je nach Standort und Betreiber kann auch die Sichtbarkeit des Angebots ein Faktor sein, um Nutzung und Akzeptanz zu fördern.
Zentral ist die Frage, wie sich diese Infrastruktur künftig effizient verwalten lässt. Je weniger Bargeld die Bevölkerung bezieht, desto stärker fallen die fixen Betriebskosten ins Gewicht. Umso wichtiger werden effiziente Prozesse, laufendes Monitoring und kooperative Modelle wie ATM-Pooling. Denn als Betreiber von Geldautomaten sind die Banken gefordert, ihre Cash Services so zu organisieren, dass sie auch künftig flexibel, wirtschaftlich und verlässlich bleiben.
Es braucht ein Betriebsmodell, das echte Transparenz schafft. Solange einzelne – auch kleine – Teile der Wertschöpfungskette bei der Bank verbleiben, trägt sie weiterhin operative Verantwortung und Kosten.
Beat Glauser, Head Product Cash bei SIX
Wie viel kostet der Betrieb eines Geldautomaten?
- Eine Expertengruppe aus Banken, Bargeldverarbeitern, der Post, der IG Detailhandel Schweiz, der SNB und SIX hat die Betriebskosten von Geldautomaten systematisch aufgeschlüsselt: Die Gesamtkosten für die Bargeldversorgung belaufen sich auf 640 bis 880 Millionen Franken pro Jahr. In diesen Kosten sind Filialen, Geldautomaten sowie auch vorgelagerte Prozesse wie die Herstellung von Bargeld einberechnet.
- Die Kosten pro Geldautomat belaufen sich auf 45’000 bis 55’000 Franken pro Jahr.
- Die Kosten pro Transaktion liegen am Geldautomaten bei etwa 2 Franken und bei 17 bis 25 Franken am Schalter in der Filiale.
Laut Bericht ändert sich an vielen dieser Kostenblöcke zumindest kurzfristig kaum etwas. Dies verdeutlicht, dass weniger Bargeldnutzung nicht direkt geringere Betriebskosten bedeutet – im Gegenteil. Das sinkende Volumen erhöht die Transaktionskosten.
Zusätzlich zeigen Auswertungen der Hochschule Luzern, dass allein die Anschaffung eines modernen Geldautomaten zwischen 40’000 und 90’000 Franken kosten kann; der laufende Unterhalt schlägt dann mit 15’000 bis 40'000 Franken jährlich zu Buche. Diese Grössenordnungen zeigen, weshalb der Betrieb eines Geldautomaten gerade an Standorten mit geringer Nutzung kaum kostendeckend sein kann.
Fixkostenlogik: Weniger Bezüge, höhere Kosten
Ein wichtiger Befund der SNB-Studie: Rund zwei Drittel der Kosten für Bargeldzugang entfallen auf Personal- und Infrastrukturkosten. Diese Positionen lassen sich kurzfristig kaum reduzieren.
Dass weniger Bargeld genutzt wird, bedeutet also nicht, dass auch die Betriebskosten sinken. Im Gegenteil, denn:
- Die Miete für den Standort, Abschreibungen der Geräte, Versicherungen, Monitoring-Infrastruktur und ein grosser Teil der Personalkosten fallen unabhängig davon an, wie viele Bezüge an einem Geldautomaten stattfinden.
- Sinkt die Anzahl Transaktionen, verteilen sich diese Fixkosten auf weniger Vorgänge – die Kosten pro Bezug steigen.
Diese Fixkostenlogik zeigen auch internationale Analysen auf: Eine Studie der Deutschen Bundesbank und anderer Zentralbanken weist darauf hin, dass ein Rückgang der Bargeldnutzung bei gleichbleibendem Anspruch an die Verfügbarkeit zu steigenden Stückkosten führt.
Warum Betriebskosten und Kundengebühren nicht dasselbe sind
Die öffentliche Debatte vermischt oft die Kosten des Geldautomatenbetriebs mit den Gebühren für Bargeldbezüge. Dabei geht es um unterschiedliche Ebenen. Die Betriebskosten entstehen durch Infrastruktur, Bargeldlogistik, Wartung, Sicherheit, Monitoring und Standortbetrieb.
Davon zu unterscheiden sind die Gebühren, die sich Banken im Hintergrund gegenseitig verrechnen, wenn Kundinnen und Kunden den Geldautomaten einer anderen Bank nutzen. Diese Transaktionskosten verrechnen sich die Institute lediglich gegenseitig. Ob der Bargeldbezug für die Kundinnen und Kunden kostenlos ist oder nicht, hängt von den Konditionen ihrer Hausbank ab und ist in der Regel Teil des Kontopakets oder einer Preisliste.
Direkte Gebühren am Automaten finden sich eher bei einzelnen Drittanbietern, etwa im Ausland oder an touristischen Lagen. Sie sind nicht mit dem standardisierten Schweizer Gemeinschaftsmodell gleichzusetzen.
Mit kooperativen Modellen bleibt die Bargeldversorgung bezahlbar
Die Banken in der Schweiz haben sich im Rahmen von ATMfutura auf ein gemeinsames, transparentes Betriebsmodell verständigt. Das Ziel ist, die Kosten fair zu verteilen, nicht zusätzliche Gebührenquellen quasi auf dem Buckel der Kundschaft zu erschliessen.
Für Beat Glauser braucht ein zukunftsfähiges Bargeldmodell vor allem zwei Dinge: Flexibilität und Kostenklarheit. Tragfähig bleibe es langfristig nur, wenn die Banken die Möglichkeit haben, Bancomaten gemeinsam mit anderen Instituten für ihre Kundinnen und Kunden zu nutzen: «Wirtschaftlichkeit entsteht nicht durch den einzelnen Standort, sondern durch ein klar steuerbares, kooperatives Netz.»
Weniger Bargeldnutzung bei gleichbleibenden Verfügbarkeitsansprüchen erfordert effiziente, kooperative Betriebsmodelle. Mit intelligenten Betriebsmodellen wie ATM-Pooling im Auftrag einer oder mehrerer Banken hält SIX den Bargeldzugang langfristig bezahlbar.
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