Carbon Dioxide Removal als Zukunftsmarkt: «Die Voraussetzungen für die Schweiz sind hervorragend»

Carbon Dioxide Removal als Zukunftsmarkt: «Die Voraussetzungen für die Schweiz sind hervorragend»

Die CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal; CDR) gilt als unverzichtbar, um Netto-Null zu erreichen. Daraus könnte ein Milliardenmarkt entstehen. Wie aus Zertifikaten für die dauerhafte CO₂-Entnahme – kurz CDR-Zertifikate – eine handelbare Anlageklasse wird, erklärt Bjarne Steffen, Professor an der ETH Zürich.

Herr Steffen, die dauerhafte CO2-Entnahme gilt als der nächste grosse Wachstumsmarkt im Klimaschutz. Wo steht dieser Markt heute?

Die Emissionsvermeidung bleibt der wichtigste Hebel. Emissionshandelssysteme wie das Europäische oder das Schweizer Emissionshandelssystem werden deshalb auf absehbare Zeit die wichtigsten Kohlenstoffmärkte bleiben. Gleichzeitig wird klar, dass das allein nicht ausreicht.

Um Netto-Null zu erreichen, müssen wir auch CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Dieser Markt entsteht derzeit – doch die Technologien sind noch jung, das Angebot an Zertifikaten klein und die Nachfrage zu gering für einen liquiden Markt. CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen ist technisch anspruchsvoll und energieintensiv. Hinzu kommen Transport und dauerhafte Speicherung des CO₂. Daher sind die Kosten hoch. 

Pflanzenkohle dominiert aktuell den Markt. Kommt nun der Durchbruch für kapitalintensivere Technologien wie Direct Air Capture und Speicherung (DACCS) oder Bioenergie mit Carbon Capture und Speicherung (BECCS)?

Naturbasierte Lösungen wie die CO2-Entnahme durch Aufforstung oder hybride Lösungen wie Pflanzenkohle sind etwas günstiger als industrielle Verfahren und bleiben wichtig, weil sie heute bereits liefern können.

Langfristig braucht es eine Vielzahl unterschiedlicher Technologien. Für die Gigatonnen-Mengen, die wir bis Mitte des Jahrhunderts erreichen sollten, sind industrielle Verfahren wie DACCS und BECCS unverzichtbar – aber bisher deutlich teurer. Jetzt gibt es substanzielle Investitionen. Weltweit entstehen DACCS- und BECCS-Anlagen, die sich dem Megatonnen-Massstab nähern – die Branche verlässt die Pilotphase.

Oft ist von Zielkosten von 100 Dollar pro Tonne die Rede. Ist das realistisch?

Diese Zahl hat sich verselbstständigt und ist nicht realistisch für grosse Mengen an permanenter CO2-Entnahme. Unsere Forschung erwartet beispielsweise für DACCS mittelfristige Gesamtkosten von rund 230 bis 550 Dollar pro Tonne – inklusive Transport und permanenter Speicherung des CO2. Wie schnell die Kosten sinken, hängt vor allem davon ab, wie rasch die Technologien skaliert werden.

Vor allem politische Signale treiben diese Entwicklung. Förderprogramme, langfristige Abnahmeverträge und die Aussicht auf regulatorische Märkte schaffen die Sicherheit, hunderte Millionen Franken in neue Anlagen zu investieren.

Heute wird der Markt vor allem von freiwilligen Käufern getragen. Reicht das?

Freiwillige Märkte sind ein wichtiger Startpunkt. Indem Unternehmen aus der Techbranche, der Luftfahrt, oder dem Finanzsektor schon heute grosse Mengen an CDR-Zertifikaten kaufen, ermöglichen sie den Bau neuer Anlagen. Langfristig wird das aber nicht reichen.

Eine Studie, die wir kürzlich veröffentlicht haben, zeigt, dass praktisch alle grösseren CDR-Unternehmen davon ausgehen, dass regulatorische Märkte ab 2030 oder spätestens 2035 zum eigentlichen Wachstumsmotor werden. Sie machen aus einem Nischenmarkt einen echten Markt. Heute kaufen Unternehmen CDR-Zertifikate freiwillig. In einem Emissionshandelssystem beispielsweise besteht dagegen eine gesetzliche Verpflichtung, für jede Tonne emittiertes CO2 ein Zertifikat einzulösen. Werden hochwertige CDR-Zertifikate zugelassen, entsteht erstmals eine verlässliche Nachfrage. Das verändert die Investitionslogik grundlegend.

Unsere Modellierungen zeigen, dass Investitionen in BECCS bereits ab den frühen 2030ern wirtschaftlich werden könnten, Investitionen in DACCS einige Jahre später. Gleichzeitig würden sich die Preise für CO₂-Zertifikate stabilisieren, weil unvermeidbare Restemissionen in der Zukunft teilweise durch CO₂-Entnahmen ausgeglichen werden könnten.

Vertrauen ist die Grundlage jedes Marktes. Wie lässt sich Greenwashing verhindern?

Entscheidend ist nicht nur, dass CO₂ entnommen wird, sondern dass die dauerhafte Speicherung auch Jahrzehnte später nachweisbar ist. Gerade bei Technologien, die Biomasse nutzen, ist ausserdem Nachhaltigkeit in der Landnutzung wichtig. Dafür braucht es verbindliche Standards für Messung, Überwachung und Haftung. Die neuen Standards für Carbon Removals and Carbon Farming der EU könnten dafür eine wichtige Rolle spielen, auch über die EU hinaus.

CO₂-Entnahme ist ein klassisches öffentliches Gut. Alle profitieren davon, doch für den Einzelnen fehlt der wirtschaftliche Anreiz. Deshalb muss der Staat nicht nur verlässliche Spielregeln schaffen, sondern auch aktiv den Sektor aufbauen. Märkte und Regulierung ergänzen sich.

Viele Projekte sind kapitalintensiv. Sind hohe Zinsen derzeit das grösste Problem?

Finanzierungskosten spielen eine Rolle, da viele der Technologien kapitalintensiv sind. Entscheidend sind aber die Ertragsaussichten und Planungssicherheit: Wenn Investoren auf hinreichende Umsätze in einem langfristig stabilen Markt vertrauen können, findet sich auch das Kapital.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass bis 2050 jährlich sieben bis neun Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden müssen. Was stimmt Sie optimistisch?

Technologischer Fortschritt wird häufig unterschätzt. Die Entwicklung der Windkraft weltweit zeigt, wie schnell Kosten sinken können, wenn ein klarer politischer Wille und die Innovationskraft der Branche zusammenkommen. Ich glaube, dass wir ähnliche Lernkurven wie bei der Windkraft auch bei CDR erleben werden.

Ich gehe davon aus, dass die CO₂-Entnahme 2035 bereits Teil der normalen Klimaschutzinfrastruktur sein wird. Die Emissionsvermeidung bleibt absolut zentral. Aber CO₂-Entnahmen werden dort, wo Emissionen nur sehr teuer vermeidbar wären, zu einer selbstverständlichen Alternative – auch im europäischen und Schweizer Emissionshandel.

Welche Chance bietet das der Schweiz?

Die Voraussetzungen sind hervorragend: Spitzenforschung zu Cleantech, innovative CDR-Start-ups und ein starker Finanzplatz. Was fehlt, ist ein klarer regulatorischer Pfad für CDR, insbesondere für die Zeit nach 2030. Gelingt dieser, kann Zürich eine führende Rolle beim Aufbau internationaler CDR-Märkte übernehmen.