Inhaltsverzeichnis
- Was ist Quantencomputing?
- Warum das für die Finanzwelt wichtig ist
- Wie sich das Schweizer Zahlungsverkehrssystem schützt
- Wie Verschlüsselung heute funktioniert und was sich ändern muss
- Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
- Wie bereitet SIX sich vor?
- Wo steht Quantencomputing heute?
- Wie sieht es in der Zukunft aus?
Alle Wege führen bekanntlich nach Rom. Stellen Sie sich vor, Sie müssten alle möglichen Routen nach Rom prüfen, um die schnellste zu finden. Mit einem klassischen Computer würden Sie eine Strecke nach der anderen durchspielen, bis Sie eine gute Lösung gefunden hätten. Quantencomputer nähern sich diesem Problem anders: Sie prüfen alle möglichen Routen gleichzeitig – so finden sie den schnellsten Weg nach Rom rascher. Für das Lösen von komplexeren Aufgaben bedeutet das einen enormen Effizienzgewinn. Doch wie funktionieren Quantencomputer?
Was ist Quantencomputing?
Ein klassischer Computer rechnet in Bits, die entweder im Zustand 0 oder 1 sind. Auf diesem Grundprinzip basiert letztlich alles, von E-Banking bis Streaming. Ein Quantencomputer verwendet Qubits, deren quantenmechanische Zustände Superpositionen der Basiszustände 0 und 1 sein können. Mehrere Qubits können zudem verschränkt sein, was zu nichtklassischen Quantenkorrelationen führt und bei bestimmten Problemen eine deutlich höhere Effizienz ermöglicht. Dadurch können Quantencomputer bestimmte hochkomplexe Probleme, etwa Simulationen oder Optimierungen, wesentlich effizienter angehen als modernste Hochleistungscomputer.
Warum das für die Finanzwelt wichtig ist
Eine solch mächtige Technologie birgt grosse Chancen, aber auch Risiken. Chancen ergeben sich etwa durch bessere Portfoliostrukturen, präzisere Risikosimulationen, effizientere Abwicklungsprozesse oder schnellere Analysen zur Erkennung von Betrugsmustern. Gleichzeitig entstehen im Bereich Datensicherheit neue Risiken: Kryptografisch relevante Quantencomputer (Cryptographically Relevant Quantum Computer, CRQC) werden in der Lage sein, bestimmte heute weit verbreitete Verschlüsselungsverfahren, insbesondere die asymmetrische Kryptografie wie RSA oder elliptische Kurven, mathematisch zu brechen. Das bedeutet: Daten, die heute abgefangen und gespeichert werden, könnten in einigen Jahren entschlüsseln lassen, wenn sie nicht rechtzeitig mit quantensicheren Verfahren geschützt werden. Wir gehen später nochmals auf das Thema «harvest now, decrypt later» ein.
Wie sich das Schweizer Zahlungsverkehrssystem schützt
Im Zahlungsverkehr ist Post-Quanten-Kryptografie besonders wichtig, da dieser Sektor massgeblich von kryptografischen Verfahren abhängig ist. Im Zahlungsverkehr schützen wir Informationen, Bankkundendaten und ganz sensible Daten allgemein, die über mehrere Jahre relevant sind und bereits heute geschützt werden müssen.
Christian Bühler, Senior IT Security & Compliance Officer SIX
Wie Verschlüsselung heute funktioniert und was sich ändern muss
Die Kryptografie ist ein Verfahren, mit dem Informationen so verschlüsselt werden, dass nur Berechtigte sie lesen können. Vereinfacht lässt sich die heutige Kryptografie in zwei Kategorien einteilen:
- Symmetrische Verfahren (z. B. AES): Sender und Empfänger von Daten verwenden denselben geheimen Schlüssel.
- Asymmetrische Verfahren (z. B. RSA, elliptische Kurven) nutzen einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel, unter anderem für den Schlüsselaustausch, digitale Signaturen und Zertifikate.
Quantencomputer stellen insbesondere für asymmetrische Verschlüsselungsverfahren eine Bedrohung dar. Diese Verfahren beruhen auf mathematischen Problemen, die für klassische Computer nur mit enormem Rechenaufwand lösbar sind, für die jedoch Quantenalgorithmen deutlich effizientere Lösungen bieten. Zu den betroffenen asymmetrischen Verfahren gehören RSA sowie Verfahren, die auf der Primfaktorzerlegung sehr grosser Zahlen oder auf diskreten Logarithmen basieren. Symmetrische Verfahren gelten dagegen als widerstandsfähiger: Ihre Sicherheit lässt sich in der Regel durch die Verwendung längerer Schlüssel gewährleisten, sodass hier meist eine Anpassung statt eines vollständigen Austauschs erforderlich ist.
Post-Quanten-Kryptografie (PQC) adressiert genau dieses Problem: Es handelt sich um neue, hybrid ausführbare Kryptoverfahren, die so gestaltet sind, dass sie quantensicher sind. Internationale Gremien wie das National Institute of Standards and Technology (NIST) haben bereits konkrete PQC-Algorithmen standardisiert, wie FIPS 203 (ML‑KEM) für Schlüsselaustausch, FIPS 204 (ML‑DSA) und FIPS 205 (SLH‑DSA) für Signaturen. Es wird dringend empfohlen, unverzüglich mit der Umstellung auf diese Standards zu beginnen.
Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
Auch wenn «voll ausgereifte» Quantencomputer noch im Aufbau sind, ist der Handlungsdruck bereits da. Das liegt unter anderem am Prinzip «harvest now, decrypt later»: Angreiferinnen und Angreifer können heute verschlüsselte Daten im Zahlungsverkehr, bei Handelstransaktionen oder in Archivsystemen mitschneiden und speichern, um sie später mit Quantenmitteln zu entschlüsseln.
Konkret bedeutet das:
- Langfristig schützenswerte Daten (z. B. personenbezogene Finanzdaten, Transaktionshistorien) sollten schon heute so gesichert werden, dass sie auch in einer Quantenwelt vertraulich bleiben.
- Die Umstellung auf PQC ist ein mehrjähriger Prozess, weil viele Systeme, Protokolle und Zertifikatsketten betroffen sind – wer früh anfängt, reduziert Risiken und vermeidet hektische Notfallumstellungen.
Wie bereitet SIX sich vor?
SIX betreibt zentrale Finanzmarktinfrastrukturen wie Börsen und das Zahlungsverkehrssystem und ist damit ein Schlüsselakteur, wenn es um sicheren Datenaustausch geht.
Im Hinblick auf die Vorbereitung für die Quantentechnologie sind drei Aspekte entscheidend:
- Kryptoinventar und Roadmap
Betreiberinnen kritischer Infrastrukturen wie SIX analysieren, an welchen Stellen in ihren Systemen Kryptografieverfahren eingesetzt werden, von Schnittstellen über Protokolle bis hin zu Hardware-Sicherheitsmodulen. Ziel ist eine schrittweise Migration, die regulatorische Anforderungen, Branchenempfehlungen (z. B. SwissBanking, nationale Cyberbehörden) und internationale Standards (NIST-PQC) berücksichtigt. - Kryptoagilität aufbauen
Die Systeme werden im Hinblick auf Krypto-Agilität analysiert, um einen künftig leichteren Austausch von Kryptokomponenten zu ermöglichen. Gleichzeitig laufen Vorbereitungen, damit neue PQC-Algorithmen angewendet werden könnten, zunächst im Hybridmodus gemeinsam mit bestehenden traditionellen Algorithmen, später dann voraussichtlich vollständig. - Praktische Tests mit Quantencomputing
Parallel experimentieren Finanzinstitute und Infrastrukturanbieter mit realen Quantenressourcen in der Cloud, um herauszufinden, wo sich Quantenalgorithmen tatsächlich lohnen. So entsteht Praxiswissen, das später in produktive Services für Marktteilnehmer einfliessen kann.
Wo steht Quantencomputing heute?
Aktuell dominieren Systeme mit begrenzter Qubit-Zahl und hoher Fehleranfälligkeit, wodurch echte Vorteile nur selektiv zum tragen kommen. In der Praxis wirken hybride Ansätze: Klassische Algorithmen tragen die robuste Basis, Quantenverfahren unterstützen punktuell bei Optimierung und Simulation.
Quantencomputer werden nicht alles schneller machen, können aber bestimmte Struktur-, Molekül- und Verschlüsselungsprobleme deutlich effizienter lösen. Über Cloud-Zugänge lässt sich bereits heute mit verschiedener Hardware experimentieren. Breite Wirkung wird mit fehlerkorrigierten Systemen erwartet – bis dahin wächst der Nutzen schrittweise.
Wie sieht es in der Zukunft aus?
Mit der laufenden Standardisierung von Post-Quanten-Kryptografie durch das NIST entsteht ein klarer technischer Referenzrahmen für den zukünftigen Einsatz quantensicherer Verfahren. Christian Bühler meint dazu: «Wir müssen uns zwingend jetzt mit PQC und Quantencomputer auseinandersetzen, Bewusstsein schaffen, Fachwissen aufbauen und die entsprechende PQC-Roadmap festlegen. Angesichts der Tatsache, dass NIST bereits angekündigt hat, einige traditionelle Verfahren für 2030 nicht mehr zu empfehlen und für 2035 als nicht mehr zulässig bewertet, müssen wir uns jetzt proaktiv bewegen.
Neben den besprochenen Risiken gibt es auch einige Chancen. Durch die Leistungsfähigkeit der Quantencomputer erhofft man sich effizientere Prozesse, präzisere Entscheidungen zum Beispiel bei Risikoabschätzungen und ganz allgemein ein starkes Innovationspotenzial sowie Wettbewerbsvorteile in einigen Branchen.»
Es empfiehlt sich, die Entwicklungen sowohl bei Quantencomputern als auch im Bereich der Post-Quantum-Kryptografie aufmerksam zu verfolgen, die eigene Kryptografie-Landschaft zu analysieren sowie vorausschauend und zeitnah zu planen. Dabei kann eine schrittweise, risikobasierte Herangehensweise helfen.
Im Auftrag der Schweizerischen Nationalbank betreibt SIX das SIC‑System, das wichtigste Zahlungssystem der Schweiz. Es ermöglicht Finanzinstituten die Abwicklung von Interbankenzahlungen sowie eines massgeblichen Teils ihrer Kundenzahlungen in Schweizer Franken.
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